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Aktezptanz ist Dreidimensional

Ich mag das Wort "Radikal" nicht. Es hört sich in meinen Ohren gewaltätig an. Dabei hat es ja unter anderem auch die Bedeutung, etwas "ganz und gar" zu machen, zu wollen. Mich also "ganz und gar" zu akzeptieren.

 

Mich "ganz und gar" zu aktzeptieren ist aber auf keinen Fall "Eindimensional"! Das habe ich in den letzten Wochen sehr bewusst erfahren und erlebt.

 

Ich für mich kann nicht nur das Hier und Jetzt ganz und gar aktzeptieren. Den aktzeptiere ich nicht auch das Vergangene ganz und gar, wie kann ich dann das Aktuelle radikal aktzeptieren.

 

Die Vergangenheit ist ein Teil von mir, ebenso wie die Gegenwart und die Zukunft. Und dieses aktzeptieren trifft alle Bereiche in meinem Leben.

 

Sei es meine Depression, meine Essstörung oder auch meine Volle Erwerbsminderungsrente um die ich lange gekämpft habe und mich schlussendlich am Anfang doch dafür geschämt habe.

 

Ich will diese dreidimensionale Aktzeptanz mal an Hand meiner Essstörung versuchen zu erläutern.

 

Ich kann nicht an meiner Essstörung arbeiten, wenn ich nicht aktzeptiere das ich sie schon seit vielen Jahren habe. Auch wenn ich die Vergangenheit ja nicht mehr rückgängig machen kann, ich muss sie einfach so hinnehmen. Die Essstörung hat körperlich und seelisch viel Schaden bei mir angerichtet. Aber sie hatte und hat immer noch ihren Zwecke in manchen Momenten. Sie will mich vor etwas schützen, auch wenn ich das selbst schon gar nicht mehr möchte. Der innere Mechanismus greift immer noch.

 

Seit ich mich sehr bewusst mit der Essstörung auseinandersetzte, mir selbst eingestanden habe, das das mit dem Abführmittel und dem "nicht Essen können" da war und es auch offen ausgesprochen habe, seitdem brauche ich die Essstörung nicht mehr so oft. Ich habe es aktzeptiert, das ich sie in der Vergangenheit hatte und das ist gut so.

 

Die Zeiten, wo ich so ein unbändigen Essdruck habe, die werden immer kürzer. Jetzt bin ich dabei, die Essstörung für die Gegenwart zu aktzeptieren. Das ist echt scheiße, weil ich natürlich immer Angst habe, das ich wieder dick werde. Aber mein letzter Essdruck-Anfall hat mir sehr wohl gezeigt: wo ich aktzeptiere, da lasse ich gleichzeitig wie von Geisterhand los.

 

Ich hatte mir also gestern die offizielle Erlaubnis erteilt, allen Schund essen zu dürfen, den ich wollte. Am Ende war was viel weniger Schund als befürchtet und vor allem habe ich die Chips und das Süße mit reinem Herzen und ohne schlechten Gewissens gegessen. Schon im Laufe des Tages ließ der Essdruck merklich nach. Kurz nach dem Abendessen noch ein beherzter Biss in den letzten Schoko-Osterhasen und gut war es.

 

Heute habe ich nicht einmal diesen Essdrang gehabt. Die Gegenwart lerne ich also zu aktzeptieren.

 

Das Kunststück für mich wird es sein, das ich auch die zukünftigen Essdruck-Tage aktzeptieren lerne. Den sie werden kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche.

 

Die Frage die ich mir die nächste Zeit immer wieder selber stellen werde, ist:

Werde ich davon auf Dauer dick, wenn ich immer mal wieder Tage dabei habe, wo ich in Fett-Salz-Zucker-Gemisch schwimmen möchte?

 

Nein, das werde ich wohl nicht. Aber noch traue ich dem Frieden nicht. Die erste Dimension der "radikalen Aktzeptanz" habe ich verinnerlicht. An der zweiten Dimension arbeite ich und bin gut dabei. Die dritte Dimension der "radikalen Sebstaktzeptanz", die nehme ich mir mit leidenschaft vor.

 

Den aus den ersten beiden Dimensionen habe ich gelernt: wenn ich dieses aktzeptziere, dann lässt mein Körper und Geist von alleine los. Ist das nicht klasse?

 

  • Meine Essstörung / Depression hatte ich der Vergangenheit einen Sinn.
  • Meine Essstörungsepisoden / Depressionsepisoden übernehmen Gegenwart immer wieder eine Schutzfunktion.
  • Und meine Essstörung / Depression übernehmen in der Zukunft, wenn dringender Bedarf ist als Notfunktion immer wieder eine Rolle. Aber ist ein ein Kann und KEIN Muss!

 

So kann ich diese 3 Dimensionen auf vieles in meinem Leben anwenden. Bisher war ich mir immer nur der "Gegenwart-Dimension" bewusst und habe sehr gehadert. Seit ich nun weiß, das ich in alle Richtungen gehen darf und muss, seitdem werde ich Schritt für Schritt immer mehr gesund und habe das Gefühl, das ich die Zügel wieder mehr in der eigenen Hand habe.

 

Essstörung und Depression sind Werkzeuge, die meine Seele in der Not eingesetzt hat. In der Vergangenheit sehr oft, in der Gegenwart viel weniger und die Zukunft wird es zeigen - es kommt, wie es kommt, ich aktzeptiere - aber nicht "ich resigniere!".

 

Aktzeptieren ist nämlich NICHT resignieren!

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