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Sport - es kommt drauf an bei Depression

Wenn ich gerade tief in der Depression drinstecke, dann geht sportlich nur sehr bedingt was.  Darum nervt es mich auch immer sehr, wenn ich von allen Seiten zu hören bekomme: dann geht halt raus in die Natur, das wird dir gut tun.

 

Ne, ehrlich gesagt, das tut mir in der akuten Phase überhaupt nicht gut. Schon x-mal ausprobiert und nie funktioniert.

 

Selbst mein Lieblingssport "HulaHoop" scheitert an der akuten Depressionsphase. Ich drehe dann zwar tapfer meine HulaHoop-Runden, aber das dringt dann einfach nicht mehr durch zu meinen Endorphinen.

 

Ich fühl mich dann wie die Nacktschnecke oben im Bild. Meine Emotionen, Traurigkeiten liegen nackt vor mir. Ich bin extrem langsam und komme gefühlt nicht von der Stelle oder raus aus der Situation.

Und ich habe versucht verschieden zu Hullern. Mit schneller Musik, mit langsamer sanfter Musik. Im Freien, Drinnen in der Sicherheit. Irgendwie funzt das an diesen Tagen einfach nicht. Aber ich hole meine HulaHoop Reifen an solchen Tagen trotzdem wenigstens für 10 - 15 Minuten vor.

 

Wenn es dann wieder etwas besser wird, dann geht auch bestimmter Sport zu Zweit. Das ist ein Bild von letztem Sonntag. Da kam ich gerade wieder aus meinem Loch herausgekrochen. Da war die kleine Tour mit meinem Schatz auf dem Fahrrad genau richtig und hat mir sogar weitergeholfen.

 

Hätte ich das auch nur 2 Tage früher gemacht, wäre das für mich so gewesen:

  • Anspannung pur körperlich wie geistig
  • Hände die sich um das Lenkrad verkrampfen
  • Allgemein sehr angespannte Muskeln während des Fahrrad fahrens
  • Agressives Verhalten mir und anderen gegenüber
  • Weinerlich
  • nach der kleinen Tour sehr erschöpft und sofort aufs Sofa zum schlafen
  • kein Auge für die Natur um mich herum, weil ich das aus einem MUSS heraus mache

 

Zum richtigen Zeitpunkt:

  • konnte die Sonne in meinem Gesicht spüren und geniessen
  • war zu einem Schwätzchen während der kurzen Rast aufgelegt
  • hatte Spass am fahren
  • war nur kurz angespannt, als es durch rutschiges Gelände bergab im Wald ging
  • war nach der Tour nur kurz erschöpft und konnte schnell regnerieren

 

 

Wer glaubt, das Sport ein "Allheiltmittel bei psychischen" Erkrankunge ist, liegt nur zu Teilen richtig. Das mag auf einen gewissen Anteil von psychisch kranken Mensch zutreffen. Ich habe es selbst erleben dürfen, bei meinen Klinikaufenthalten. Denen ging es mit jedem Frühsport besser und das ist dann auch wirklich gut so.

 

Bei mir hatte das immer einen gegenteiligen Effekt. Erstens war es natürlich immer Gruppensport. Menschenansammlungen stressen mich selbst in den besten Zeiten, von daher war ein Erholungseffekt von Anfang an für mich ausgeschlossen.

 

Man kann den Sport nicht aussuchen. Korbball, Brennball, Autogenes Training, Hinternispacour, Nordic Walking, Wassergymnastik. Immer schön im Rudel mit 25 - 30 anderen Mitpatienten. Oft in großen Hallen, wo es auch noch so richtig schön nachhallt. Oder beim NordicWalking wo einfach verschiedene Fitnesslevel zusammen walken sollen. Die einen laufen schnell vorweg, weil sie gut trainiert dastehen wollen, die anderen kommen kaum hinterher, weil sie seit Jahren keinen Sport gemacht haben.

 

Mich haben diese Gemeinschaftsaktivitäten immer sehr gestresst und verärgert zurückgelassen. Selbst in der Tagesklinik war Rudellaufen angesagt und zwar jeden Tag. Ich hätte mich damals gerne mit Kopfhörern und leiser Musik von den vielen durcheinander laufenden Gesprächen geschützt, das wurde aber untersagt. Man sollte mitten rein ins Gesprächsgetümmel um aus der Depression zu kommen. Das Ende von Lied war, das ich nach 4 Wochen ambulanter Therapie so hochgeputscht und dünnhäutig war, das die Therapie abgebrochen wurde. Ich galt als "schwer Therapierbar" und  ich habe mich damit zutiefst schuldig gefühlt. Ich bin schwer therapierbar, nicht in der Norm. Ergo: ich bin anscheinend sowar von falsch als Mensch!

 

Heute weiß ich zum Glück, das ich vollkommen normal bin. Anders zu sein, als der große Anteil der Bevölkerung, ist NICHT gleichzusetzen mit "du bist nicht Normal"!

 

Ich nehme Reize nunmal schneller wahr und mein Hirn kann sie nicht so schnell verarbeiten. Vielleicht ist mein langsames Reaktionsvermögen ja ein Hinweis darauf - keine Ahnung.

 

Es vergeht kein Sommer, an dem ich nicht mindestens einmal einen Mörder-Crash mit meinem Fahrrahd baue und anschliessend Tagelang mit blauen Flecken übersäht bin. ;-)

Gehört quasi schon zu mir und mein Schatz hat mich letzten Sonntag gefragt, wo den mein jährlicher Fahrradsturz bleibt? So ein Depp ;-)

 

Jo, wir sind ja die erste Augustwoche im Kurzurlaub, mit den Bikes. Kann ja noch werden, so im bergigen Elmau. ;-)

 

 

SPORT muss mir guttun, damit ich den Spass nicht verliere. Ich bin gerade dabei zu lernen, das es keine Sünde ist, wenn ich bei akuten Depressionsschüben eben keinen Sport machen kann. Und das es auch völlig in Ordnung ist, wenn ich dann schon Sport mache - Einzelsport mache.

 

Ich lerne auch gerade, das es mir sehr gut tut, wenn ich mein Krafttraining mit so kleinen Minikopfhörern im Ohr mache. Es sperrt die Umwelt aus. Ich mache meine Musik an und wenn ich dann das Gerät eingestellt habe und trainier, schliesse ich dabei meine Augen. Ich will im Moment nicht angesprochen werden, wenn ich trainiere. Ich grenze mich deutlich ab ohne zu verletzten. Ohren und Augen als zwei von meinen Sinnen sind für die Außenwelt nicht kontaktierbar.

 

So komme ich selbst beim Training unter Menschen inzwischen gut zur Ruhe. Krafttraining hat für mich inzwischen zwei Qualitäten bekommen. Ich baue und stärke meine Muskeln nach 10 Monaten Corona-Zwangspause wieder auf ihr altes Level. Und durch das Abgrenzen sind die einzelnen Bewegungsabläufe an den Geräten inzwischen so etwas wie eine Meditation für mich geworden. Mit jeden Gewicht auf und ab werde ich ruhige und ich Ruhe mehr in mir selbst. Wenn ich aus dem Studio rauskomme, habe ich wortwörtlich und im übertragenen Sinne Kraft getankt. Diese Ressource war mir früher nicht bekannt und ich bin froh, das ich sie entdecken durfte.

 

Teil meiner Therapie und dem Wissen darum, das ich einfach Hochsensibel bin. Ich baue mir immer mehr kleine Auszeit-Inseln in meinen Alltag, ohne das es mein Umfeld wahrnimmt oder das sich für sie großartig etwas ändert.

 

Ich hoffe, die heutige Stunde wird nicht mehr ganz so heftig. Das mit dem "Inneren Kind" und diese unabsichtigen "Verletztungen in meiner frühen Kindheit", das brauche ich zu Hause nie wieder erwähnen. Die daraus entstandene Diskussion Ende letzter Woche, die hatte es insich. Am Ende hat mein Partner die ganze Beziehung in Frage gestellt. No Way, das ich mir das wieder antue.

 

Ich habe für mich beschlossen: meine Umwelt hält das alles für den größten Quatsch, also werde ich sie von diesem Anteil fernhalten. Zum Wohle eben jener Menschen.

Sollte ich an den Tagen nach der Therapie seelische Not haben, werde ich in Zukunft zum Seelsorgetelefon greifen. Den solche Diskussion wie letzte Woche, die brauche ich wegen der Depression nicht mehr. Das tut mir nicht gut, das tut dem Gegenüber nicht gut.

 

Ein Teil von mir wird jetzt wie eine Schnecke werden - der Teil der psyhischen Krankheit. Und wenn die gerade weh tut, dann ziehe ich mich halt in mein kleines Schneckenhaus zurück. Das ist schon in Ordnung.

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