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Wenn die Therapie im Urlaub ist

Meine Therpeutin ist im Urlaub - bis Mitte September und ich darf mich mit meinen neuen Tools ausprobieren. Spannendes Ding, die Zeit!

 

Für´s Erste bin ich froh, das die letzten 4 Abende für mich wieder in Ordnung waren. Was für mich in Ordnung heißt?

 

Ich habe mir fest vorgenommen, das ich nach 20:00 Uhr bis zum nächsten Mittag nichts mehr esse. Und das klappt nun seit 4 Abenden wieder gut.

 

Ich plane seit 4 Abenden aber auch wieder bewusst einen gesunden Snack als Abschluss ein.

 

Die letzten Abende habe ich dann also immer noch Melonenstückchen mit Haferflocken oder Chiasamen gegessen. Oder auch - oder noch: eine handvoll frischer Cherrytomaten.

 

Bisher funktioniert es zum Glück ganz gut, den ich brauche das Erfolgserlebnis, damit ich es weiter durchziehe. Und so lebe ich wieder nach meinem selbstgestrickten Korsett, das für viele streng ist, für mich jedoch einfach nur Sicherheit in einem planbaren Rahmen beteutet.

 

Außerhalb der essgestörten Welt ist das, glaube ich immer sehr schwer nachvollziehbar. Da gibt es Zeiten, da isst man halt einfach. Und wenn man keinen Hunger hat, dann denkt man halt auch einfach nicht an Essen.

 

Bei mir ist alles, was irgendwie mit Nahrungs-mitteln, Essen und Trinken zu tun hat, auch immer mit vielen Gedankenschleifen besetzt.

 

Schon seit Tagen traue ich mich wieder nicht auf die Waage. Dabei weiß ich doch, das sie nichts dramatisches anzeigen kann und wird. Ich habe ja vor dem großen Gewichts-Crash nochmal die Reißleine gezogen bekommen.

 

Mein letzter Wiegetag war im Urlaub, da hatte ich auf der fremden Waage ein Gewicht von 56,8 kg. Ein wirkliches OK-Gewicht bei meiner Größe und der BMI ist damit auch im gesunden Bereich.

 

Warum sollte ich also nicht auf die Waage wollen, wenn ich weiß, das ich doch kein dramatische Ergebniss zu erwarten haben? Vor allem mit dem Wissen, das ich seit Tagen wieder "in meinem Plan" bin?

 

Nun den, ich hatte nämlich nur 1 Tag zuvor noch ein Gewicht von 56,4 kg und war richtig stolz auf mich. 400 lächerliche Gramm, die alles bedeuten können, nur KEINE realistische Gewichtszunahme, können mich so aus den Tritt bringen.

 

Dann ging auch noch am ersten Tag von meinem Urlaub mein Fitness-Tracker flöten. Nach 2 Tagen immer wieder Ladens, summen, brummens und nicht funktionierens, habe ich mir noch vor Ort einen neuen "gleichen" Fitnesstracker bestellt. Ich trage ihn schon seit wir wieder zu Hause sind. Er zeigt mir jeden Tag meine Schritte an. Im Durchschnitt liege ich im Alltag jeden Tag bei ca. 8.500 bis 10.000 Schritten. Also ein sehr guter Alltags-Durchschnitt, wie ich finde.

 

Ich mache 3mal die Woche bei der Powerhasen-Challenge mit. Das sind Mädels und 2 Jungs aus Instagram, die wie ich gerne HulaHoopen und im Alltag etwas mehr Bewegung haben wollen. Ich gehe 2mal die Woche ins Krafttraining und nebenbei Huller ich 4 - 5 mal die Woche und Wandere oder fahre eBike. Ich habe also durchaus ein sportliches Leben.

 

Und trotzdem traue ich mich nicht auf die Waage. In meinen essgestörten Gedanken tue ich nicht genug für mich und meinen Körper. Es könnte immer noch mehr sein!

Mehr als diese Bilder hier oben drüber zeigen. Den es gibt ja Menschen, die machen viel mehr und viel länger Sport als ich. Und genau diese Menschen ziehe ich dann zu einem Vergleich heran. Ich ziehe nicht mich selbst heran, die vor einigen Jahren noch eine überzeugte Nicht-Sportlerin war. Oder die Menschen, die eben weniger Sport als ich machen.

 

Nein, ich vergleiche mich mit den Menschen, die jeden Tag noch eine Schippe mehr als ich drauf legen. Und dann fühle ich mich schlecht und komme mir mit den obigen Fotos wie eine Betrügerin vor, die einfach nur jeden etwas vormacht.

 

Dann sehe ich mich nur noch wie die Bilder, die hier unter diesen Text sind.

Wie ein verfressener, nimmersatter Mensch der alles in sich hineinstopft. Der vom Kuchen und Pizzen lebt und nur ungesund isst. Der ständig von zuckerfreien Kuchen und Cookies schwärmt .... und dann denke ich mir immer: die Leute da draußen die müssen doch von dir denken, das du den halben Tag nur so Zeugs in dich stopfst - egal ob zuckerfrei oder nicht.

Genau das vermitteln die Bilder für mich. Das ich den ganzen Tag am Essen bin und nur Schund esse. Süß, deftig, heftig!

 

Auch wenn ich weiß, das es eben nicht so ist. Ich fühle es eben nicht so. Wenn ich realstisch so essen würde, wie ich es in mir fühle, das wäre ich schon längstens wieder im ungesunden Gewichtsbereich angelangt.

 

Mein essgestörtes Ich sagt mir ganz klar und deutlich:

 

Beweg dich mehr, härter, öfters und länger und iss weniger, gesünder und vielleicht am Besten noch weniger und noch gesünder. Erlaub dir KEINE Ausnahmen und halte dich an Dein Programm!

 

 

Das ist meine Essstörung! Und sie geht nicht einfach weg. Das sind meine Gefühle und ich habe sie seit Jahrzehnten kultiviert und gepflegt. Und diese Einstellung ist nicht einfach abzuschalten, wie ein Lichtschalter. Ich werde wohl noch einige Zeit mit ihnen gemeinsam meine Zeit verbringen. Aber es geht auch irgendwann so weit weg, das es mich nicht mehr in meinem normalen Alltag bedrückt.

 

Jetzt will ich erst mal die Therapiefreie Zeit versuchen zu geniessen. Mir nicht allzu viele Gedanken ums Essen und um die Bewegung machen - so wie es mir halt möglich ist.

 

Wenn man die Essstörung halt auch einfach mal für 3 Wochen in den Urlaub schicken könnte. Das wäre mal so richtig geil.

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