DAs verletztliche tagebuch

Wie viel kann und will ich öffentlich über mich preis geben. Das ist seit Beginn dieser Webseite ein Thema für mich. Da das Schreiben aber auch einen Therapeutischen Zweck für mich hat, möchte ich mir alles von der Seele schreiben können und dürfen, ohne dafür verurteilt zu werden.

Lesen ja.

Kommentare dazu? Es wäre nett, wenn ihr ein NEIN an dieser Stelle respektieren würdet.

 

 


12. April 2021

 

 Nicht sehen heißt nicht - nicht vorhanden!

 

Nur weil eine Depression oder eine BiPolare Störung keine körperlichen Zeichen trägt, heißt es nicht, das sie nicht vorhanden ist. Ja, das ist richtig. Meine Krankheit hinterlässt weder Narben auf der Haut, noch trage ich einen Gips oder habe eine Infusion. Das heißt aber nicht, das sie nicht da ist. Mein ständiger Begleiter ist!

 

Es ist schwer genug, das sich selbst einzugestehen. Wenn man dann aber auch noch gegen Vorurteile aus den eigenen Reihen, den Bekannten, der engsten Familie hören muss, dann zermürbt das auf Dauer. Ich will nicht ständig beweisen müssen, das ich Depression habe. Das ich mit einer BiPolaren Störung lebe und die Essstörung mal mehr mal weniger ein aktiver Teil meines Leben ist.

 

All das oben genannte im Alltag in Schach zu halten, sich zeitgleich um die Heilung zu kümmern und zu bemühen, das ist anstrengend genug. Man hinterfrägt doch auch keine anderen offensichtlich schwer kranken Menschen ob sie wirklich schwer krank sind. Ob es nicht schon langsam reicht und warum man nicht gedenkt, endlich wieder gesund zu sein.

 

Ich habe letzte Woche am Mittwoch die ansich freudige Nachricht erhalten, das ich wegen meiner Erkrankungen zur Prioritätengruppe 2 gehöre und nun einen Impftermin vereinbaren kann. Die Freude hielt genau so lange an, bis ich erfahren habe, das mein Mann keine Einladung erhalten hat. Dann die Frage: warum du mit Depression und ich mit meiner Krebserkrankung von vor 5 Jahren und dem Bluthochdruck noch nicht?

 

Dann kam im Internet die Nachfrage nach dem ärztlichen, aktuellen Attest, sonst gibt es keinen Termin. Mein Hausarzt hatte gerade Urlaub. Und so hatte ich nun vom 07.04. - 12.04. Zeit. Besser gesagt mein Kopf und meine Gedanken hatten Zeit. Viel zu viel Zeit. Und sie fingen an zu rotieren.

 

  • Warum ich, warum nicht er auch?
  • Ist er nicht gefährdeter als ich?
  • Spiele ich mir nicht selbst etwas vor, vielleicht bin ich ja gar nicht mehr krank?
  • Nein, warum ich und nicht all die anderen, älteren und krankeren Menschen vor mir?
  • Habe ich das überhaupt verdient?
  • Es wäre besser, wenn es mich überhaupt nicht geben würde!
  • Ich glaube, ich nehme anderen, viel krankeren Menschen die Impfdosis weg!
  • Sollte nicht erst die geimpft werden, die auch noch arbeiten und nicht wie ich die volle EU-Rente beziehen? Den Staat quasi eh schon auf der Tasche liegen!
  • Warum komme ich verdammt noch mal vor meinem Mann dran, der auch noch älter ist als ich?
  • Ich glaub, ich bilde mir meine Depri und meine BiPolare Störung nur ein
  • Ich will die Krankheit nur deswegen nicht loslassen, weil ich ständig irgendwelchen Nutzen daraus ziehe (Rente, vorzeitige Impfung)

Das Karusell nahm Fahrt auf und drehte sich mit jedem Tag schneller. Heute Morgen hing ich heulend am Telefon. Habe der geduldigen Sprechstundenhilfe was erzählt von: ich verdiene es nicht, ich betrüge die Welt .... sie hat mir einen Termin gegeben und darauf bestanden das ich komme.

 

Vorm Arzt bin ich nochmal zusammen gebrochen, der hat mir schwere Depression und eine aktuelle Essstörung diagnositiert und hat gemeint, ich soll mir schnell meinen Termin ausmachen. Er hat mir erzählt, das ich ein Recht darauf habe und alles seine Richtigikeit hat. Nur alleine, ich begreife es immer noch nicht. Es sind noch die gleichen Fragen, wie vor einigen Tagen in meinem Kopf. Das Karusell dreht sich etwas langsamer, weil ich von meinem Arzt den Impf-Segen erhalten habe. Aber ich glaube immer noch felsenfest an das, was ich oben in der Auflistung geschrieben habe.

 

Ich verdiene es nicht, drängle mich fadenscheinig vor und nehme anderen die wichtige Imfpung weg.

 

Warum Ich das denke?

 

Man kann meine Krankeit nicht sehen, nicht anfassen, nicht körperlich von außen sehen. Sie trägt keine sichtbaren Zeichen, auch wenn sie da ist. Und ich muss mich auch im engsten Umfeld immer wieder dafür rechtfertigen. Den wenn ich Lache, denken viele: was will sie denn, jeder ist mal traurig- sie übertreibt einfach masslos.

 

Ich bin dessen müde. Ich kämpfe aktiv gegen die Krankheit und gleichzeitig muss ich dem Umfeld immer wieder erklären, das die noch da ist. Verdammte Krux!


27. Dezember 2019

 

Zu schweigen heißt "nicht"   -    NICHT mehr daran zu denken!

 

Keine Andeutung kommt mehr über meine Lippen. Weder bei meinem Freund noch in meinem direkten Umfeld. Und ich merke, das viel Aufatmen und denken "jetzt geht es ihr wieder gut".

 

Die Gedanken an Tod kommen klopfen nun wieder fast täglich an meine Seele. Ich versuche sie einfach vorbei rauschen zu lassen und ihnen so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu schenken.

 

Am 24.12. hatten wir einen wirklich schönen, entspannten Tag. Alles total paletti. Abends auf dem Sofa überkam mich dann aus dem Nichts wieder diese unendliche Traurigkeit. Sie hat sich über die kompletten Feiertage gelegt, obwohl es ausgewogen zuging, bei mir. Es war eine gute Balance zwischen zu Hause ausruhen und mit der Familie zusammen zu sein. Ablenkung und Ruhe - alles im Rahmen.

 

Vielleicht sollte ich eine Tageslichtlampe ins Haus holen und mich jeden Tag davor setzten. Ich gehe aber natürlich tagsüber auch raus an die frische Luft und an die Sonne, sofern vorhanden. Allerdings nicht in Form eines Spazierganges, sondern ich bin gut draußen, wenn ich durch die Stadt schlendere. Oder auch beim Einkaufen .... wie auch immer.

 

Außerdem waren wir heute wieder im Training, das tut mir auch gut. Am 31.12. beschließen wir unser Trainingsjahr 2019 - wird sicher klasse.

 

 

 


12. November 2019

 

Der Tsunami in meinem Kopf ebbt ab, zum Glück. Ich habe extra die CBD Tropfendosis erhöht. Anstatt morgens 3 Tropfen nehme ich nun Morgens 3 und Abends 2 Tropfen von meinem CBD Öl. Das trägt mich gut durch den Tag. Wenn sich komische Gedanken in mein Hirn bohren wollen, nehme ich 3 - 5 Züge von meinem CBD Liquid. Nebenbei hat mir das ganze CBD noch bei meiner Erkältung geholfen.

 

Meine Lymphknoten waren angeschwollen und der Kopf hat gehämmert. Beides habe ich mit 2 Tropfen CBD aufgelöst. Das Öl und das Liquid sind wirklich eine Erleichterung für mich.

 

Und sie tun mehr für mich als die KavaKava Kapseln. Sie mögen meinen Freund helfen, bei mir ist die Wirkung aber nur sehr gering und ich müsste mehr davon schlucken um wirklich eine große Veränderung zu spüren.

 

Versuche mich so gut es geht, aktiv zu halten. Also Laub kehren, Büro ausmisten und solche Dinge. Einfach damit ich nicht zum denken komme und sich noch mehr Unsinn in meinen Kopf breit macht. Leider konnte ich die letzten Tage wieder nicht konzentriert lesen, eines der Symptome bei Depression.

Die Liebe Konzentration lässt einen da ganz schön im Stich.

 

Ich habe mir dann ein seichtes Hörbuch nebenbei angehört, das konnte mich zum Teil ganz gut ablenken.

 

Ansonsten bin ich ziemlich melancholisch drauf, die Todesgedanken sind aber weg.

 


08. November 2019

 

Es hat sich wohl wieder abgezeichnet und trotzdem konnte ich es nicht verhindern. Ich schlittere wieder hinein in die tiefe Depression. Es ist wie ein Tsunami, man sieht ihn auf sich zurollen und egal wie schnell man davon läuft und welche Richtung man auch einschlägt, am Schluss überrollt er einen doch. Genauso fühlt es sich im Augenblick wieder für mich an.

 

Aus meinem weiteren Bekanntenkreis haben sich Bekannte umgebracht. Einmal ein junger Mann mit Anfang 20 und einmal ein gestandener Mann mit um die 50. Das Umfeld der beiden steht so ziemlich ratlos da und ist auch irgendwie sauer auf die zwei. Ich hingegen kann es verstehen. Dann habe ich blöde Nuss mir heute noch auf uTube ein Video von Robert Enkes Beerdigung angesehen. Danach waren wieder alle Schleussen geöffnet. Ich habe also den halben Vormittag irgendwelche hirnrissigen FlashMobs auf uTube geguckt und sinnlos vor mich hingeheult. Dabei gucke ich sonst nie uTube, warum auch.

 

Heute jedoch bringt mich alles zum Weinen. Das war die letzten Tage auch schon so. Sobald ich alleine bin, kann ich grundlos losheulen. Es geht mir gut, also mein Umfeld meint es gut mit mir. Ich muss mir seit 4 Jahren keine Sorgen um mein Auskommen machen, die Erwerbsminderungsrente scheint so gut wie durch und sicher zu sein. Ich habe ein Dach über den Kopf, einen Mann der mich liebt, meine Eltern und Geschwister sind gesund. Ich habe tolle Neffen und Nichten, darf ein Auto fahren ohne das ich dafür aufkommen muss. Das Drumherum ist so was von in Ordnung und trotzdem überfällt mich mal wieder aus dem Nichts diese abgrundtiefe Traurigkeit.

 

Heute ist ein Tag wo ich am liebsten nicht mehr wäre. Ich will diese Minusgefühle nicht mehr spüren müssen, nie wieder. Es ist nicht schlimmer oder besser, als zu der Zeit wo ich noch die Anti-Depressiva genommen habe. Ein weiterer Schlag für mich ins Gesicht. Dieses sinnlose schlucken der Medikamente, obwohl sie mich keinen Schritt weitergebracht haben. Die vielen Stunden bei irgendwelchen Psychologen, die vielen Gruppentherapien, das Malen, das Basteln, der Sport, die Natur. Ich befolge diese ganzen Dinge, die mir irgendwelche Spezialisten sagen und trotzdem holt mich diese verdammte Depression immer wieder ein.

 

Der Tsunami den ich kommen sehe und dem ich nicht ausweichen kann. WARUM nur?????

Jetzt heißt es also wieder Augen zu und durch, irgendwann ist diese Welle der grundlosen Traurigkeit auch wieder abgeebt und es geht mir wieder besser.

 

Soviele Menschen, die das Gleiche haben wie ich. Die es immer wieder runterreißt. Ich frage mich, warum man bisher noch keinen Heilungsweg gefunden hat. Warum ich immer wieder an der gleichen Abbiegung stehe und immer wieder den gleichen steinigen Weg gehen muss.

 

Ich wurde von einem Bekannten gefragt, warum gerade ich, als spiritueller Mensch mich davor nicht schützen kann. So einen Quatsch habe ich noch nie gehört und ehrlich gesagt ärgert mich das enorm. Was bildet sich dieser Bekannt ein? Dann kann man genauso gut fragen, warum der Superreiche Mensch Depressionen bekommen kann. Warum die Frau mit den zwei gesunden Zwillingen in die Depression rennt, obwohl die beiden Kinder Wunschkinder sind.

 

Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?Warum?

 

Ich frage mich das selbst auch immer wieder. Vor einigen Tagen hat sich ohne Vorankündigen ein einziges Wort den Weg in mein Hirn verschafft. Und dann ging es Stakkato immer und immer wieder in meinen Kopf. Also würde es eine laute Stimme in mir drin schreiben.

 

Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!vSelbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!Selbstmord!   STOPP!!!!!   Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!Tod!

 

Drei Wörte, minutenlang in meinem Kopf als laute Stimme. Das Stopp konnte nicht viel ausrichten, es hat dem Kind nur einen anderen Namen gegeben. Diese Worte kamen aus dem heiteren Nichts wie ein Tsunami in mein Hirn geschossen, ohne das vorher was vorgefallen war.

 

Ich will das nicht mehr, das muss endlich ein Ende haben. Lass die nächsten Tage schnell vorüber gehen, lass diesen verdammten Depressions-Tsunami ganz schnell vorüber gehen, ohne das ein weiterer, bleibender Schaden in meiner Seele entsteht. Und lass mich danach bitte wieder alles aufbauen können, was er achtlos niedergerissen hat.

 

04. Oktober 2019

 

Fast ein Jahr vergangen nach meinem letzten Eintrag. Bin froh das ich die Antis nun los bin, auch wenn ich immer noch schwer Depressiv bin. Ich habe gute und ich habe schlechte Tage. Bin schnell erschöpft, habe aber gelernt besser damit umzugehen.

 

Hatte heute ein Gespräch mit meinem Hausarzt. Er ist nach wie vor nicht davon begeistert, das ich die Anti-Depris abgesetzt habe, geht aber den Weg mit mir. Darüber bin ich froh und sehr dankbar.

 

Habe ihm heute erklärt, das die Tabletten die Krankheit ja auch nicht verschwinden hat lassen, sondern nur die Depressionen und seine Auswirkungen kaschiert. Das können meine derzeitigen Naturmittel genauso gut und ich sehe keinen Unterschied. Bin ich traurig, dann bin ich traurig mit und ohne die Anti´s. Habe mir zusätzlich eine Stunde Gemeinschaftssport in der 20 Meter entfernten Grundschule verschrieben. Das tut mir gut. Die Frauen Lachen und können selbst mit heraushängender Lunge noch während des Ausdauertrainings ratschen. Gesunde Weiber halt, ich liebe sie allen Ernstes. So in der Art will ich auch wieder sein.

 

Von meinem Freund wünsche ich mir zu Weihnachten eine Privatstunde Yoga in Forchheim. Gibt einige Studios, die das anbieten. Finde ich ein passendes Weihnachtsgeschenk für mich. Er bekommt von mir einen Boxsack mit meinem Konterfei drauf, wenn ich mal wieder unmöglich bin dann kann er mich nach Herzenslust schlagen. ;-) Ich find die Idee lustig. Sollte ich mir wirklich überlegen, auch wenn es mir gerade spontan ins Hirn geschossen ist.

 

Ansonsten krame ich gerade wieder meine Hobbysachen raus. Er wird herbstlich und die Tage länger. Fühle mich nach malen. Am liebsten ja "Malen nach Zahlen", aber wie schon gesagt, die Frau hier ist chronisch pleite, das wird wohl erst mal nix. Also ran an die alten Aquarellsachen und nach Herzenslust kleckern.

 

Wollte eigentlich auch noch Wassersport machen. Meine Ausrede: habe keinen Badeanzug der mir noch passt, sind alle viel zu klein. Und im Bikini - ne, ständig hüpfen meine Möpse raus und ich muss das Höschen hochziehen. Ich warte bis zum Rentengeld, dann kaufe ich mir einen Badeanzug. Unser Bad in Forchheim bietet laufend offene Aquastunden an, da kann man mehrmals die Woche nach Herzenslust kommen. Auch ne Möglichkeit und ich muss mich nicht gleich einen Kurs lang binden.

 

Außerdem habe ich eben meine Favouriten hier bei meinen Lesezeichen aussortiert. Folgende Ordner habe ich ohne zu überlegen ins Nirvana befördert und es ging mir richtig gut dabei:

 

  •  Jobbörsen/Berufliches
  • BurnOut/Kliniken
  • Diätforen und das ganze Diätgedöns

Hach wie herrlich, das Leben fühlt sich doch gleich ein Stück weit besser an.

 

Und weil ich heute eh schon so morbide eingestellt bin. Ich will mir die nächste Zeit mal ganz genau überlegen, was ich unbedingt noch erleben möchte. Und bitteschön liebe Frau, lass die herrlich verrückte Dinge einfallen, das Leben ist zu kurz.

 

Auf alle Fälle will ich wieder Mode-Mutiger sein. Früher war ich knalligen Farben gekleidet, gerne Plakativ. Das habe ich in der Partnerschaft irgendwann abgelegt. Isa und mein Schatz fanden mich oft zu auffällig oder haben sich gerne über mich lustig gemach. Sollen sie nur, nein ich will das sie sich wieder über meinen Kleidungsstil lustig machen. All das langweilig dunkelblau muss Kleidungsstück für Kleidungsstück aufgepeppt werden. Ich liebe große Blumen, ich liebe organges Leinen, ich liebe auffällige Ohrringe. Da will ich die nächsten Jahre wieder hin. Geldfrage, wie immer.

 

Was mich dazu bring, ich brauche unbedingt einen Geldesel, Lottogewinn, Gönner, Sponsoren ...was auch immer. Quatsch, ich brauche das alles nicht. Kommt Zeit, kommt Geld, kommen witzige Klamotten.

 


20. November 2018

 

Jetzt bin ich also den zweiten Tag aus der Tagespsychiatrie entlassen. Dank der Infusion vom 02. November und der zweiten Infusion danach, ist mein Nervenkostüm noch immer heruntergefahren. Ich agiere zumeinst ohne Hektik, es dauert länger bis mich etwas nervt. Ich weiß mich gut abzugrenzen und erkenne meine Grenzen zumindest nicht mehr ganz so spät.

 

Die Traurigkeit und Melancholie, die hat sich unter die Decke verkrochen. Sie ist da, das spüre ich schon. Sie weicht mir nur in wenigen Momenten meiner Stunden von der Seite. Sie ist immer im Hintergrund da und gut zu spüren. Da helfen alle Tabletten dieser Welt nichts.

 

Wenn ich meine Depression nur im Hintergrund spüre, dann fühlt sich das für mich so an, wie die Leere die entsteht, wenn man einen wichtigen Menschen beerdigt hat.

 

Ich hoffe ein wenig auf die weiteren Infusionen. Mit Beginn Dezember werden wir die Weihnachtsmärkte in Regensburg besuchen. Schön verteilt auf drei Urlaubstage. In den drei Tagen bekomme ich auch jeweils eine Cholincitrat-Infusion.

 

Natürlich haben wir in der Tagespsychiatrie viel Gelacht. Wenn man uns von Außen beobachtet hätte, hätten wir wie eine Keglergruppe auf Ausflug ausgesehen. Lachen tut verdammt gut und den schwärzesten Humor findet man meiner Meinung nach in der Klappse. Hinter den sicheren Mauern kann man auch tiefschwarzen Humor loswerden: "Du solltest endlich mal loslassen, aber niemand hat gesagt, das es ausgerechnet das Sicherheitsseil im Klettergarten sein soll!" Ja, ja über Selbstmordwitze lacht es sich besonders schäbig. Natürlich alles hinter vorgehaltener Hand, damit es das Pflegepersonal nicht mitbekommt.

 

Überhaupt, die erste Frage, die ich gelernt habe zu verneinen, ist die nach den Selbstmordgedanken. Vor dem betreuenden Ärzten, Therapeuten, Pflegern und der engsten Familie wird es nicht mehr aus-gesprochen. Mit dem Mitpatienten unterhält man sich öfters darüber. Am Anfang noch etwas vorsichtig, weil man weiß ja nie, ob die Mitpatienten dann nicht völlig für plemplem halten und zur Pflege rennen und petzen. Und dann irgendwann weißt du, das viele von Ihnen die gleichen Gedanken, Erfahrungen gemacht haben oder sogar schon einen kleinen Schritt weiter waren und schon das Equipment im Haus hatten.

 

Seit jenem 1. November, wo ich mich betrunken hatte, weiß ich, das ich keine Angst mehr davor habe. Es ist so, so leicht, wenn die Gedanken auf einer Welle das Alkohols schwimmen, einfach viel mehr von den Tabletten zu nehmen, als verordnet. Ich habe mir an jenem Abend drei von meinen Schlafpillen auf einmal gegönnt. Ich wollte einfach nur tief und fest schlafen und von meiner Depression wenigstens für ein paar Stunden nichts mehr wissen. Den mich holt sie auch im Schlaf ein, wenn ich Pech habe. Die drei Schlaftabletten war so schnell im Magen verschwunden, so schnell konnte ich gar nicht ausspucken wollen, hätte ich es den gewollt.

 

Es ist ein endgültiger Weg, der kein Zurück enthält, aber zu wissen, das er immer noch da ist. Wenn es mir am Ende zuviel werden würde, vor lauter Trauer, Melancholie und Leere, ja dann wäre er da, wie eine sichere Ausflucht. Das erleichtert schon irgendwie, muss ich zugeben.

 

So und jetzt werde ich jeck, ich lege mir ein @twitteraccount an.

 

Wichtig ist: es ist die wirklich, allerletzte Abzweigung vor dem Ziel. Wenn gar nichts anderes mehr geht.

 

 

 

 


23. Mai 2018

 

Gestern habe ich bei einem Fachanwalt für Sozialrecht angerufen und einen Termin vereinbart. Ich werde die Erwerbsminderungsrente angehen. Vom Antrag bis zur evtl. Bewilligung können teilweise gut und gerne mal 2 Jahre vergehen.

 

Den Antrag einreichen heißt für mich nicht: das ich an der Maßnahme zur Integration nicht teilnehme. Ich will einfach nur schon einen Schritt weiter sein, falls die Integration nicht so gut abläuft. Zumindest sind das die Meinungen von meinem: Hausarzt, Psychiater und der letzten Psychologin.

 

Ich hingegen halte noch immer stoisch an meiner Wiedereingliederung fest, weil ich wieder einen festen Platz in der Gesellschaft möchte.

 

Heute ist ein nicht ganz so guter Tag. Trübe Gedanken dringen immer wieder zu mir durch und ich bin ziemlich müde. Dabei hab ich nur ein wenig Haushalt gemacht und ansonsten meine Leihtochter zur Fahrprüfung gefahren und dort gewartet. Die Anspannung hat mich dort auch gepackt und jetzt wo das Adrenalin wieder herunter fährt, bin ich stehend K.O.

 

Werde mich auch gleich für 1 - 2 Stündchen hinlegen und noch einmal Kraft tanken. Ich hoffe, das mich die Infusionen weiter stabilisieren und das sie es vielleicht schafft, das ich nicht immer traurig bin.

 

 


22. Mai 2018

 

Hatte letzte Woche ein Gespräch mit meinem Hausarzt. Nach gemeinsamer Absprache haben wir eines meiner Antidepressiva in der Dosis verdoppelt. Er hat mir auch vorgeschlagen, das er mich auf meinen Wunsch hin einweisen lassen kann. Das hat mich aber erschrocken und ich wollte es erst einmal mit einer Erhöhung der Dosis versuchen.

 

Dieses Mal trat für ein paar Tage eine Erstverschlimmerung ein, was sich aber inzwischen gegeben hat. Bin froh, das ich mich wieder stabilisiert habe. Bis sich die komplette Wirkung entfaltet, das dauert wahrscheinlich noch. Aber die morbiden Gedanken sind auf alle Fälle schon einmal weg.

 

Und ich komme auch langsam wieder aus meiner Deckung gekrochen. Einer Wiedereingliederung gibt mein Hausarzt wenig Chancen. Ich werde es trotzdem versuchen, sonst komme ich mir wie eine Schmarotzerin vor.

 


14. Mai 2018

 

Bin ehrlich froh, das die letzte Woche vorbei ist. Es waren am Schluss dann doch fast alle da, bei meinen Eltern. Merke, das mir das gerade zuviel ist an Tischgesprächen und dem Geplapper von 4 Kleinkindern.

 

Wobei mir die Kinder dann noch am liebsten sind. Trotz der ganzen Ablenkung war ich gestern den kompletten Tag sehr gedrückt und ruhig. Wenn Reaktionen von mir kamen, dann leise. Verliere schnell die Geduld, gerade gegenüber meiner Mama. Dabei kann sie am wenigsten dafür, das tut mir dann immer unendlich leid. Den ich liebe meine Eltern und hänge an Ihnen.

 

Gestern Abend war ich dann ein paar Mal versucht, meinem Schatz reinen Wein einzuschenken. Er hat inzwischen ein feines Gespühr für meine Stimmungen. Aber ich habe viel zu viel Angst vor seiner Reaktion.

 

Ich war dieses Wochenende auch mal versucht, mich selbst einzuweisen. Aber dann wiederum will ich nicht weg von meinem Zufluchtsort - meinem Zuhause.

 

In meinen Gedanken habe ich angefangen immer wieder mal Abschiedsbriefe zu formulieren. Das erschreckt mich dann jeweils. Ich habe das Gefühl, ich stecke tiefer als zuvor in der Scheisse und weiß nicht weiter.

 

Vieles was vorher Freude und Glück in mir ausgelöst hat, löst in dieser Gefühlslage nur noch mehr Trauer und Schwermut aus. Selbst das Kinderlachen meiner Neffen und Nichten lassen mich dann nur noch mehr Schwermütig werden. Um mich herum wird gelacht, geredet und Pläne geschmiedet. Ich sitze mittendrin und Lächle und Scherze für die Außenwelt und bin innerlich doch komplett davon abgeschnitten. Ich fühle mich dann so alleine (gelassen).

 

Ich weiß, das das alles nur innere Mechanismen sind und mit der Zeit wieder vergehen. Das ist mir alles Sonnenklar. Aber das Wissen darum hilft mich gerade nicht. Bin heute um halb sechs mit meinem Schatz aufgestanden und lag schon um halb sieben wieder schlafend auf dem Sofa. Schlafen heißt für mich, Auszeit von der Schwermut zu haben. Und so habe ich bis kurz nach 10:00 Uhr im Tiefschlaf auf dem Sofa verbracht und bin trotzdem noch müde. Klar, wer zuviel schläft, der hat den Rest des Tages damit zu tun, wieder in Schwung zu kommen.

 

Haushalt mache ich heute nur das nötigste, aber das mache ich! Gleich muss ich noch für heute Abend einkaufen. Kochen will ich nicht, aber es soll trotzdem eine gesunde Brotzeit auf dem Tisch stehen, das ist mir wichtig. Also sorge ich für viel frisches Gemüse und Obst.

 

Hier ist gerade 11 Uhr Läuten der Kirchenglocken. Nur noch wenige Stunden und das Haus ist wieder belebt mit seinen Bewohnern. Ich freue mich darauf, wenn sie nur nicht soviel reden wollten. Ich mags einfach nur still um mich. Hier läuft kein Radio, kein TV ... ich höre nur ab und zu die Lüftung von meinem altersschwachen Laptop. Ich liebe diese unendliche Ruhe, wenn sie alle außer Haus sind. Ich glaube, mir würde es nichts ausmachen, wenn ich mal für ein paar Tage komplett alleine im Haus wäre.

 


13. Mai 2018   -   Muttertag

 

Der Familien-Pizzaabend mit selbstgemachter Pizza tat gut. Leider merke ich, das ich mit zwei Gläsern Fruchtsecco mehr erreiche, als mit all den Anti-Depressivas.

 

Ich weiß, es geht mit gut - sehr gut.  Ich habe ein Dach über den Kopf, ich bin gesund, ich habe einen tollen Mann an meiner Seite und eine Familie die zu mir steht. Ich habe einen kleinen, aber intensiven Freundeskreis, darf meinen Alltag selbst gestalten.

 

Das muss ich mir immer wieder sagen: Michaela, es geht dir richtig gut. Du hast allen Grund um Glücklich zu sein!

 

Es war alles in Ordnung gestern. In der Nacht beim Zähne putzen und umziehen war meine Gefühlslage noch ganz normal. Ich gehe leise ins Schlafzimmer, weil Schatz schon schläft - immer noch alles palleti bei mir. Ich setzte mich auf den Bettrand und dann rollt es über mich hinweg. Die Schwermut und plötzlich habe ich dumme Gedanken, die ich nicht mehr loswerde.

 

Was mache ich hier? Macht das eigentlich überhaupt noch Sinn? Warum tue ich MIR das an, diese wiederkehrenden schwarzen Flecken in meinem Leben? Warum tue ich das meinem nächsten Umfeld überhaupt noch an? Meine plötzliche Gereiztheit, die Aggresivität aus dem Nichts - was ich alles selbst nicht verstehe.

 

Mit so dummen Gedanken schläft es sich ungut ein, weil ich dann genauso wieder aufwache. Warum finde ich in den Momenten diesen verdammten virtuellen Schalter nicht, der dem ein Ende bereitet?

 

Mein Mann ist Heute außer Haus - er muss zu einer Messe, weil seine Geräte dort ausgestellt sind. Die Leihtochter schläft sich ausnahmsweise schön aus. Ich sitze hier alleine da und habe unendlich viel Zeit zum Grübeln. Habe versucht, heute länger zu schlafen. Aber der Halbschlaft verschafft mir nur luzide Träume, die sich steuern lassen. Sie steuern auf Drama - Liebesdrama, finanzielles Drama, Unfalldrama ....

 

In knapp einer Stunde packe ich meine Sachen und fahre zu meinen Eltern. Muttertag und Vatertag geniessen. Wie es aussieht, sind wir alleine, weil meine Brüder ihre eigenen Familien haben. Ich werde die Zeit mit meinen Eltern also intensiv auskosten und mich hoffentlich ablenken können.

 

Im Moment fühle ich nämlich nur Hoffnungslosigkeit. Ich bin ratlos, kann man das irgendwie heilen? Ich will nicht bis zum Ende meines Lebens immer wieder durch diese tiefen Sümpfe waden müssen. Immer kurz vorm Ertrinken, immer wieder mit den Gedanken mich einfach einsinken zu lassen und dem ein Ende zu bereiten.

 

Tabletten, Psychologen, Psychiater, stationäre Therapien .... ich habe das ja alles schon mehrfach durch. Bisher hat nichts auf Dauer geholfen. Und diese Ratschläge, was man machen soll, wenn so eine Phase naht. Ich zeichne dagegen an, versuche ihr davon zu wandern, zupfe in der Sonne Unkraut und spreche viel mit meinem Umfeld über positive Sachen.

 

Der Baukasten, der mir beigebracht wurde, lässt mich trotzdem immer schön tief in die Scheiße sacken. Mag sein, das die Scheiße tiefer wäre, hätte ich diesen Hilfsbaukasten für die Depression nicht. Aber auch so ist es für mich inzwischen kaum noch auszuhalten. Ich will, das es endlich aufhört. Ich will keine andauernde Mutlosigkeit mehr, die mich mit ihrer Schwermut ganz nach unten zieht und dort festhält. Ich will einfach nur noch eine stinknormale Gefühlslage mit wechselnden Hoch und Tiefs, so wie es früher der Fall war.

 


04. Mai 2018

 

Habe eine unruhige Nacht mit Albträumen hinter mir. War im Traum mit vielen fremden Menschen in einem großen Gebäude und habe dabei mehrmals erlebt, wie ein Flugzeug abstürzte und dabei das Gebäude in Brand setzte. Das Dach brach über uns ein, aber wir konnten uns jedes Mal mit Müh und Not retten. Vor dem Gebäude waren viele Helfer und große Maschinen. Sobald ich also vor dem Gebäude war, hat man mich wieder mit brennenden und scharfen Teilen aus Versehen zugeschüttet. Man hat mich bei den Aufräumarbeiten nicht gesehen und egal wohin ich gerannt bin, immer wieder wurde ich zugeschüttet. Diesen Traum durchlebte ich heute Nacht gleich mehrmals in Schleife.

 

Meine Gefühlslage ist wieder auf einem Tiefpunkt. Nein, es ist kein Selbstmitleid, wegen meiner derzeitigen Situation. Es ist mehr, das ich diese Schwermut, die ich jedes Mal als Antwort auf unangenehme Situationen, nicht mehr ertragen will.

 

Immer das Gleiche. Sobald etwas nicht so gut läuft, verfalle ich von einer Sekunde auf die andere in eine tiefe Schwermut aus der ich nur noch mit Mühe und Not herausfinde. Manchmal schon nach einigen Tagen, das andere Mal nach Wochen oder Monaten.

 

Es ist so mühsam, die AntiDepressiva helfen in solchen Situationen nicht mehr. Ich bin müde davon und trage mich mit Gedanken von Trennung oder inzwischen auch mit dem freiwilligen Ausscheiden aus dem Leben herum.

 

Ich liebe meinen Mann so sehr und ich finde, er hat einfach besseres als Das hier verdient. Er hat genug im Leben hinter sich gebracht, nicht auch noch so eine Partnerschaft. 2 Mal betrogen worden und 2 mal die Scheidung. Eine Krebsart, die er für den Moment besiegt hat, die aber eine hohe Wiederkehrrate hat. Und jetzt unsere Beziehung - 6 Jahre, von der ewige Kampf aus dem Vertriebsbereich zu kommen. Nun seit zweieinhalb Jahren wegen Depression arbeitsunfähig. Seine unermüdliche Kraft, mich immer wieder aufzufangen und an meiner Seite zu stehen. Er hat ein leichteres Leben, als das jetztige Verdient.

 

Und ich auch! Es würde aufhören, wenn ich aufhören würde zu exsitieren. Der ständige Kampf, die Schwermut, der seelische Schmerz, alles würde getilgt werden. Meine Seele würde endlich Frieden finden, einen Frieden den ich mir inzwischen so sehr wünsche, so sehr herbeisehne.

 

Nun den, ich muss los. Mein Hausarzt wartet, ich bekomme die Krankschreibung, die die Arbeitsagentur empfohlen hat. Außerdem hole ich mir ein weiteres Rezept für AntiDepressiva, auch wenn sie gerade nicht greifen.

 

Und ich warte auf das Licht am Ende des Tunnels! Ich hoffe, es lässt nicht zu lange auf sich warten, ich will raus aus der Schwermut und nicht mehr solche perfiden Gedanken haben. Ich will einfach nur meinen Frieden finden, hier im Leben und nicht im Tod.


19. März 2018

10 Tage liegen zwischen meinem Heutigen und dem letzten Eintrag zurück. Dinge können sich schnell ändern.

 

Ich finde es richtig Scheiße, das ich nicht mehr alleine wohne. Wenn ich jetzt einen aktuellen Rückfall habe, erlebt das mein Lebensgefährte 1zu1 mit. Früher konnte ich vieles gut verheimlichen. Er wußte zwar, aber er war nie live dabei. Das ist ein himmelweiter Unterschied für mich.

 

Gestern Vormittag saß ich bei uns auf dem Sofa und er fragte mich, ob wir spazieren gehen. Ich bejahte, merkte aber wie sich alles in mir sträubte. Mein Blutzucker war trotz ordentlichem Frühstück irgendwo im Keller, meine Seele ganz tief vergraben.

 

Ich sagte dann nach ein paar Minuten "Nein, ich möchte lieber doch nicht." Natürlich hakte er nach und dann brach ich in Tränen aus - wie peinlich ist das den???

Meine Gedankengänge waren eh vollkommen unlogisch und durcheinander und ich brabbelte einfach drauf los. Normalerweise behalte ich die dann für mich, wenn ich alleine bin. Nein, gestern musste ich den Mist laut ausprechen.

 

Ich fühle mich abgeschnitten von der Welt. Ich habe das Gefühl das ich anders bin. Warum denkt ein gesunder Mensch, das er einen Depressiven heilen kann, wenn er nicht weiß wie das ist? Und dann spürte ich einen richtigen körperlichen Sog. Ich hatte das Gefühl, ich werde in die Depression eingesaugt, Kopf voran. Und ich konnte das spüren, so richtig körperlich spüren - den Sog. Klar, das war eine Halluzination. Und das erschreckt mich. Ich nehme Medikamente und trotzdem bahnt sich die verdammte Depression ihren Weg hindurch.

 

Ich fühle mich wie in einer Blase eingeschlossen. In der Blase hat es Nebelschwaden und eine graue Wolke, aus der es unaufhörlich gießt. Ich versuche sie zu durchbrechen, aber sie ist flexibel und ziemlich robust. So wie dünnes Silikon, das sich nach allen Richtungen ausdehnt, aber nicht reißt.

 

Wir sind natürlich spazieren gewesen. Meinen Lieblingsspaziergang zur Kuchenmühle gegangen. Knapp 1 Stunde hin, dort Mittag gemacht und wieder knapp 1 Stunde zurück gelaufen. Haben uns auf dem Heimweg noch Obstkuchen geholt und uns einen schönen Nachmittag gemacht. Also ich gehe das schon aktiv an, auch wenn ich mich am liebsten verkriechen möchte. Aber die Blase geht einfach mit und mit ihr der Nebel und die Regenschauer.

 

Es sind weniger die Stunden an Arbeit. Es ist vielmehr das Ganze, was mich überfordert. Das lebendige Umfeld, das Telefon, die Menschen, das Multitasking und die Schnelligkeit der Arbeit. Zu Hause kann ich die Dinge in meinem Tempo erledigen. Wenn ich bei meinem Schatz arbeite, legt er großen Wert auf Genauigkeit und fordert mich auf, langsam zu arbeiten. Ich arbeite immer nur an einer Sache, auf die ich mich konzentrieren kann.

Mehr überfordert mich einfach und dann kappt meine Psyche schlicht und ergreifend den Zugang zu meinem Denkvermögen.

 

Auch wenn ich es nicht wirklich positiv sehen kann, mit jedem Ausprobieren lerne ich mehr, was ich noch kann und was ich für den Moment nicht kann. Es ist erschrecken, wie sehr ich zurück gefahren habe. Und es ist erschreckend, wie oft die Depression dann kommt und quasi einen Schutzmantel um mich legt, der mir zu schwer ist, auch wenn er mich vor irgendetwas schützen will.

 

Ich hatte gestern so konfuse Gedanken und habe mich so alleine gefühlt, trotz meinem Lebensgefährten. Und ich habe mir nur dumme Fragen gestellt.

  • War ich schon immer so?
  • Ich war doch in meiner jungen Kindheit auch schon so grüblerisch und habe mich öfters einsam gefühlt, mitten in meiner Familie.
  • Ist das gar genetisch bedingt und es gibt einfach Und (die Depressiven) und Euch (die ihr alles besser verkraftet)
  • Ist der ganze Therapieansatz eigentlich für die Katze, weil er nur hilft, wenn ich in einem geschützen Raum (zu Hause oder in der Reha-Einrichtung) lebe

 

Dumme, dumme Fragen die mich wirklich aussehen lassen wie einen bekloppten Menschen. Und trotzdem schwirren sie durch meinen Kopf.

 

Klar habe ich gestern gelacht. Manchmal war es echt und von Herzen. Doch oft war es nur meiner Umwelt zuliebe und ich habe mich nicht danach gefühlt. Ich versuche trotzdem gute Miene zu machen, weil ich nicht zulassen kann, das mein Umfeld alles, wirklich alles mitbekommt.

 

Auch hier erzähle ich zwar einen guten Teil, aber die Gedanken, die ich denke, das sie mich wirklich als Psycho abstempel, die bleiben zwischen Mir und meinem Hirn.


9. März 2018

Nach langer Zeit mal wieder ein paar Zeilein in meinem Tagebuch.

 

Viele Dinge haben sich für mich inzwischen geklärt. Meiner Verhaltenstherapeutin habe ich für´s Erste "Auf Wiedersehen" gesagt. Ich kann jederzeit wieder hin, aber irgendwie hat es sich für mich ausgeredet. Ich komme gut zu Recht mit meiner Krankheit.

 

Immer wieder habe ich mich durch mein direktes Umfeld verunsichern lassen, was meine Anti-Depressiva betrifft. Immer wieder wurde mir geraden von dem "Teufelszeug" loszukommen und zu versuchen ohne Medikamente zurecht zu kommen. Das hat auch bei mir immer wieder die Frage aufgeworfen, ob es den inzwischen nicht auch "ohne" geht.

 

Ich habe mit verschiedenen Ärzten gesprochen oder besser gesagt, meine Ängste ausgesprochen und was mein Umfeld mir rät.

 

Mein Hausarzt hat es vor zwei oder drei Wochen auf den Punkt gebracht. "Lasst die Menschen doch einfach mal ein paar Jahre glücklich sein und durchschnaufen. Warum will man ihnen die Anti-Depressiva wegnehmen, wenn es sich dann endlich mal eingespielt hat."

 

Und ich muss sagen, aus meiner Warte hat er so was von Recht. Endlich, endlich hat es sich eingespielt. Nach über zwei Jahren ausprobieren und dosieren. Ich nehme nun beide Tabletten Abends vor dem zu Bett gehen ein. Endlich bin ich tagsüber etwas leistungsfähiger. Immer noch bin ich schnell erschöpft, aber es ist um Längen besser, als zu den Zeiten wo ich die Tabletten auf Morgens und Abends verteilt hatte.

 

Auch die Lebensfreude ist zurück gekommen. Ich kreise nicht mehr ständig um die Scheisse, sondern fühle mich so normal wie jeder andere Mensch ohne Depression. Also normal verrückt. *grins*

Es hat echt lange gebraucht hierhin zu kommen. Hätte mir das jemand ganz zu Beginn meiner Diagnose erzählt, ich hätte längst aufgegeben. Den langen Weg hätte ich sehenden Auges nicht gehen wollen. Aber da bin ich nun. Nicht gesund aber ich fühle mich wieder gesund.

 

Schon alleine das ich bereit bin mich wieder zu bewerben und ins Getümmel zu stürzen. Auch wenn wirklich nur für max. 30 Stunden die Woche - egal, das ist ein guter Schritt nach vorne. Vertriebsstellen werden von mir rigoros gemieden. Meine Bewerbungen sind nicht mehr ausgeklügelt und top, weil ich mich auch auf keine Top-Jobs mehr bewerbe. Mal spreche ich meine Lücke im Lebenslauf an, mal ignoriere ich sie. Ich bin wieder selbstbewusst geworden und kann meine Frau stehen.

 

Vor Fragen nach meiner Lücke habe ich keine Angst. Ich habe mir mein "Ding" eingeprägt. Ich war zu Hause wegen Betreuung und Pflege eines Familienmitgliedes. Das ich selbst das  Familienmitglied bin, das ich damit meine, das geht niemanden etwas an.

 

Das ich es leichter nehmen kann, als all die Jahre zuvor, hat auch etwas mit meiner gut funktionierenden Partnerschaft zu tun. Mein komplettes erwachsenes Leben war ich immer auf mich alleine gestellt. Habe soviel verdienen müssen, das ich mein komplettes Leben selbst stemmen konnte. Selbst als ich mit meinem geschiedenen Mann zusammen war, da wir zwei zu Hause finanzieren mussten aus beruflichen Gründen.

 

Jetzt fehlt diese bestimme Summe X, die ich unbedingt verdienen muss. Das ist eine große Erleichterung für mich und für den Einstieg. Das ich eine Summe X wieder verdienen möchte in Zukunft,das steht außer Frage. Aber es ist erst einmal kein Druck mehr da und das ist gut für einen entspannten Wiedereinstieg in die Berufswelt.

 

Tja, es geht mir rundherum besser und das fühlt sich rückblickend ziemlich geil an. Ich bin stolz darauf, das ich mich nie brechen habe lassen von der Depression. Ich bin stolz darauf, das ich das lange Tal endlich durchschritten habe. Und ich bin wahnsinnig dankbar für die Menschen, die mir in der Zeit hilfreich zur Seite gestanden haben.

 

Depression ist immer noch eine Krankheit mit Makel. Man sieht sie körperlich nicht und man sieht die Menschen, die daran erkranken schief an. Dachschaden halt, ständig am Heulen, zieht das komplette Umfeld mit einen runter.

 

Alles Vorurteile und ich gehe heute echt offen mit meiner Krankheit um. Ich habe sie und ich bin gut eingstellt. Ich kann sehr gut mit meiner Krankheit leben.

 


22. August 2017

Lange nicht hier gewesen - ich weiß. Das Ding ist: im Augenblick will ich über meine ganze doofe Geschichte, was die Depression angeht, nicht mehr so wirklich selbst nachdenken, schreiben und dabei den Dingen für mich auf den Grund gehen.

 

Es geht einfach 3 Schritte vor und dann wieder 2  Schritte zurück. Nach nunmehr 2 Jahren nervt es mich und ich bin  auch sauer auf mich und das ewige Thema "Depression".

 

Ich will es zumindest für die nächsten Wochen ganz einfach mal beiseide wischen. Vielleicht hilft das ja ein wenig. Ich brauche auf alle Fälle Abstand zu dem ganzen Psychozeugs. Wenn man so will: Urlaub von der Depri.

 

Von daher werde ich in diesem Teil von meinem Blog nun wirklich erst einmal Ruhe einkehren lassen. Und vielleicht ist das der Schlüssel und ich melde mich dann in einigen Wochen / Monaten HIER mit super Nachrichten zurück.

 


02. August 2017

Kann die Rentenversicherung nicht erreiche, wollte wegen dem Status meiner REHA nachfragen. Fühle mich wie durch den Fleischwolf gedreht. Körperlich wie geistig. Die letzten beiden Wochen waren einfach zuviel und ich habe die Notbremse wohl zu spät betätigt.

 

Es ist halt schwer "Nein" zu sagen, wenn alle anderen viel mehr arbeiten und du nach ein bisserl schon in den Seilen hängst. Für Morgen hatte ich mir heute eine Auszeit erbeten. Ich habe sie Heute gleich bekommen.

 

Mein Hirn ist leer und ich rede nur noch, wenn ich gefragt werde. Von alleine beginne ich schon seit Tagen keine Gespräche mehr. Je mehr ich nach außen auf lustig und normal mache, umso mehr bin ich erschöpft und ohne Gedanken.

 

Alles fliegt wieder nur so durch meinen Kopf, aber nichts lässt sich zu Ende denken, geschweige den fassen. Gestern Abend habe ich mich dann spontan ins Blumenbeet zurück gezogen, einfach nur, damit ich alleine mit mir bin und mich niemand anspricht. Das tat dem Blumenbeet gut und mir hat es auch eine kleine Verschnaufspause gegeben.

 

Ich frage mich erneut, wie ich zurück in ein normales, geregeltes Arbeitsleben kommen soll. Stand der Ding derzeit:

Haushalt + 2-3 mal ein paar Stündchen Arbeiten + private Termine und Sporttermine überfordern mich sehr.

 

Mein Schatz denkt, das ich morgen wieder fit bin. Sein Wort in Gottes Ohren. Ich hingegen weiß, das ich morgen noch lange nicht wieder fit bin.

 

Die Parole heißt durchhalten. Bis Samstag stehen noch an:

  • Abschiedsessen mit Ziehsohn
  • Geburtstag eines Bekannten
  • eigener Geburtstag mit kl. Familienfeier
  • mind. 1mal Arbeiten
  • einige Arbeitsgänge für Lothar

 

Ab heute bin ich dann auch nicht mehr alleine. Dabei brauche ich Zeit für mich, wo ich ganz alleine im Haus sein kann. Heute kommt Ziehtöchterlein zurück. Sie schläft eh immer bis mind. Mittags und trotzdem setzt mich das unter Stress. Ich brauche im Moment unbeobachteten Rückzug, damit ich wieder auftanken kann.

 

Sollte mich auf den 1-wöchigen Urlaub freuen. Tue ich auch - und gleichzeitig weiß ich, das ich nun 24 Std. am Tag zu zweit sein werde. Anstrengend für mich, obwohl es mir mit Sicherheit nicht anstrengend gemacht wird. Ganz alleine meine Empfindung.

 

Gestern waren wir im Reisebüro, Urlaub für November / Dezember buchen. Vietnam ist kein gutes Urlaubsland, für das was wir vorhaben. Wir würden zuviel Zeit auf der Strecke verbringen, das wollen wir nicht.

 

Jetzt steht Mexiko und Jamaica auf dem Plan. Tendiere immer mehr nach Jamaica, da hält sich die Kultur auf Grund der Landesgröße schon im Rahmen. Mexiko gibt es an jeder Ecke was Kulturelles und das möchte man nicht verpassen, wenn man einmal im Leben da drüben ist. Nur, ich sehen mich einfach nach kompletter Ruhe und evlt. 3 - 4 Ausflügen in 14 Tagen Urlaub. Mehr muss nicht, ich will schlafen und lesen und endlich wieder reden. Damit mein Freund nicht ständig eine abwesende Frau an seiner Seite hat.

 

Ja, ich bin abwesend im Moment. Körperlich vorhanden, geistig irgendwo, ich weiß selbst nicht wo. Starre oft in die Ferne ohne zu sehen. Aber nicht nur für 1 oder 2 Minuten, das wäre normal. Wenn ich weg bin, bin ich weg und komme oft erst nach über einer halben Stunde wieder zurück zu mir.

 

Die letzten Tage haben sich im Hirn angefühlt, als würde ständig zuviel Strom durch meine Leitungen pulsieren und das Hirn versucht mit Blitzen, dem übermässigen Strom Herr zu werden. Overload, anders kann ich es nicht beschreiben. Ich hatte zuviel Netzspannung für mein Netz zu verarbeiten - darum fällt mir denken gerade schwer.

 

Was mach ich jetzt? REHA abwarten, gleich noch mal anrufen und nachfragen. Muss raus hier - sonst habe ich das Gefühl, mein Hirn erleidet einen Overload-Infarkt. 5 Wochen REHA sind ok, mehr geht auch nicht. Graut mir vor den 3 - 5 Terminen jeden Tag, das ist im Moment immer zuviel. Habe mir vorgenommen, mit den Therapeuten zu sprechen, das es Tage mit weniger Terminen geben soll. Will nix verpassen und daher auch keine Stunde schwänzen. Das gibt mir ein schlechtes Gewissen und verschlimmerte meine Situation.

 

Muss lernen, endlich Nein zu sagen. Mein Stresslevel ist nicht mehr so Hoch, wie das von anderen. Ich habe eine niedrigere Schwelle und ich brauche mehr Zeit, um wieder erholt zu sein. Ist so, kann ich gerade nicht ändern. Kann ich vielleicht nie ändern. Keine Ahnung.

 

Nach REHA will ich auf keinen Fall in die Arbeit zurück. Weiß, das ich nach kurzer Zeit dann wieder ausfallen werde. Warum auch immer das so ist. Situation hat sich diesbezüglich verschlimmert. Depression hat sich verlagert. Hatte ich im letzten Jahr öfters Selbstmordgedanken, will ich jetzt  nur noch Ruhe, Ruhe, Ruhe.

 

Der ganz nomale Haushalt und Familienalltag fordert und stresst mich oft schon über Gebühr. Seit Tagen müsste ich einige Fenster putzen. Der Arm ist kraftlos und ich kann mir nicht vorstellen auf eine Leiter zu steigen.

 

Heute lasse ich auch das Kieser Training aus. Würde mir seelisch absolut gut tun, aber mir fehlt gerade die körperliche Kraft. Bin schon überfordert mit dem heutigen Abschiedsessen. Muss nachher noch den PC abbauen und fortbringen und Fahrradschläuche für den Urlaub nächste Woche besorgen. Ein kleiner Einkauf muss auch noch erledigt werden. Mein Tagespensum ist damit schon überstrapaziert.

 

Unglaublich aber wahr.

 

Ahrg, ich will dieses Mal nicht Korrektur lesen. Fehler müssen mitgenommen werden. Ich will mein weinerliches Gesülze nicht lesen. Tur mir leid.

 


27. Juli 2017

Ich habe aufgehört die Tage zu zählen, es macht auch keinen Sinn.

 

Gestern hatte ich meinen ersten Termin in der für mich jetzt zuständigen Arbeitsagentur. Die Armen tun auch nur ihren Job - und trotzdem.

 

Es wurde ja laut deren Medizinschen Gutachter festgestellt, das ich wieder 30 Std. die Woche einsatzfähig bin. Ausnahme: keine Schichtarbeit, keine Arbeit mit erhöhten Stress, keine Arbeit mit viel vielen Telefonaten wegen Tinnitus. Aber ansonsten wieder ganz im Vertrieb oder Büro einsetzbar.

 

Offiziell dürfte mich mein Arzt und mein Psychologe gar nicht mehr krankschreiben, weil der MD der ARGE ja durch die Akten festgestellt hat, das ich gesund bin. Zum Glück hat mich noch die Rentenversicherung unter ihren Fittichen, wegen der ausstehenden REHA-Maßnahme und ich darf nicht vermittelt werden.

 

Ich könnte Einspruch gegen das Ergebniss des MDs einlegen, dafür würde lediglich sofort das Arbeitslosengeld eingestellt werden. Ich habe also die theoretische Möglichkeit des Einspruchs, kann es praktisch aber nicht anwenden, den von irgendetwas muss der Mensch ja leben und die laufenden Kosten bezahlen. Also, der mögliche Einspruch ist nur graue Theorie und nicht durchführbar.

 

Nach der REHA soll ich noch einmal vor dem MD. Und dieses Mal habe ich darum gebeten, das mich der Arzt, der meinen Fall beurteilt, mich auch sehen soll. Nur nach Aktenlage ich Quatsch, weil auch da haben ihm das letzte Mal meine Ärzte eine andere Beurteilung nahe gelegt.

 

Ich selbst bin die letzten Tage sehr gestresst und seit knapp einer Woche hat mich ein tiefes Tief gepackt. Abends sitze ich inzwischen wieder taubstumm auf dem Sofa und gucke in die Ferne aber nicht in den Fernseher. Nur ein Wort an mich reicht und ich breche grundlos in Tränen aus - peinlich, doof, entwürdigend.

 

Immer mehr merke ich, das ich im Moment überhaupt nicht in der Lage bin auch nur ansatzweise zu arbeiten. Eine 30-Std.-Woche, davon bin ich soweit entfernt wie der Mars zur Venus. Überhaupt nicht daran zu denken. Sobald die Arbeitsagentur mich zum bewerben auffordert, werde ich dem natürlich gewissenhaft nachkommen und ordentliche Bewerbungen abschicken.

 

Aber ich werde auch ehrlich sein, wenn es zu Vorstellungsgesprächen kommen sollte. Das bin ich mir selbst am meisten schuldig und auch einen potentiellen Arbeitgeber würde ich gerne das wahre Bild von mir zeigen. Er soll also die Möglichkeit haben, wirklich entscheiden zu können.

 

Das heißt fürmich: das ich mit meiner Krankheit ehrlich umgehen werde.

 

Ich für mich weiß nur, das mir selbst die private Arbeit gerade zuviel ist. Morgen ist der Geburtstag der Leihtochter, den ich alleine wuppen muss. Mann hat extremen Stress und arbeitet selbst gerade 12 Std am Tag und das Geburtstagskind hilft wo sie kann, aber das reicht für mich gerade nicht.

 

Heute waren wir Carport streichen - 4 Std. am Stück. Neben Rückenschmerzen und dem körperlichen Erschöpft sein, bin ich geistig nun komplett leer. Ich wünsche mir nur noch 1 Woche im Bett und mit keinem Menschen reden zu müssen. Würde ich alleine wohnen, wäre das der Zeitpunkt, wo ich die Telefone aus der Steckdose ziehe und mich komplett um mich und meine Seele kümmern würde. Wenn man zusammen wohnt, geht das nicht. Da kommen einfach die Anforderungen der anderen auf einen zu und das ist auch ganz normal, ich weiß das.

tag 588 - 27. Juni 2017

Wetter: bewölkt

Stimmung: seit ein paar Tagen betrübt

 

Widerwillig aber immerhin, ich lasse mich auf einen 5-wöchigen Aufenthalt in einer Psychosomatischen Klinik ein. Nur Bad Lobenstein soll es nicht sein, dort war ein ziemlich beschiessener Urlaub vor 2 Jahren. Den Ort muss ich nicht noch einmal besuchen.

 

Meine Stimmung trübt sich, seit ich seit ein paar Tagen wieder intensiver nach einer Arbeit für mich Ausschau halte. Ich fühle mich ohne Perspektiven und Hilflos - immer noch - schon wieder?!?

 

Solange ich nicht an meine berufliche / finanzielle Zukunft denke, geht es mir relativ gut. Kaum beschäftige ich mich erneut damit, trifte ich ab und werde einsilbig. Und so pirsche ich durch die üblichen Internetseiten meiner beruflichen Vergangenheit, auf der Suche nach Arbeit für mich. Alles was ich lese, trifft nicht auf mich zu.

 

Im pflegerischen Bereich versuchen sie einen mit viel Geld zu ködern. Techniker werden zu Hauf gesucht und Metzgereifachverkäuferinnen sind auch beliebt. Als jemand der Fleisch nicht mag, ist der Beruf leider nichts. Und dann laufen einen wie immer ganz viele Stellen für den Vertrieb über den Weg. Bei denen zieht sich mein Bauch jedes Mal zusammen, zu einen großen unangenehmen Ballen.

 

Wo gehöre ich beruflich hin? Ich weiß es einfach nicht und das macht mich fertig.

 

Von meiner Krankenkasse habe ich erneut eine Absage bezüglich meiner Verhaltenstherapie bekommen. Diese Tatsache tut ihr übriges, Ich habe den Widerspruch jetzt zwar aufrecht erhalten, aber ich muss ehrlich gestehen: eine Klage kann ich mir trotz Rechtsschutzversicherung dann doch nicht leisten. Also KEINE Verhaltenstherapie bei meiner Therapeutin mehr. Und aus eigener Tasche bezahlen kann ich sie schon gleich gar nicht.

 

Meine Hoffnung liegt nun auf der Rentenversicherung. Ich wünsche mir, das sie nach der REHA oder in der REHA einen fundierten Berufsfindungstest mit mir machen und mich dort psychologisch beraten.

 

Bis dahin versuche ich mich nun wieder an regelmässiges Arbeiten außerhalb des Haushalts zu gewöhnen. Ich arbeite diese Woche kostenfrei bei meinem Freund mit. Ich bin dort jeden Tag zwischen 3 - 4 Stunden in der Montage tätig. Länger geht im Augenblick noch nicht. Nach ca. 4 Stunden geht die Konzentration zu Ende, ich werde hippelig und aggressiv.

 

Ich erhoffe mir davon, das ich mich wieder stundenweise daran gewöhne, das wenn es soweit ist, ich wieder fit bin und mithalten kann.

 

Das hört sich alles so schrecklich depremiert und nach Selbstmitleid an - ich weiß. Aber ich lasse mich nicht hängen, im Gegenteil.

 

Ich stehe jeden Tag mit meinen Freund auf, mache den Haushalt und habe auch sonst meine Routinen, die ich erledige. Eben weil ich nicht in diese Schublade: "guckt TV und macht nichts den ganzen Tag" hineinrutschen will. Ich glaube nämlich, wenn man da mal ist, kommt man noch viel schwerer raus.

 

Sehe ich gerade an einer Bekannten. Die hatte einen Knöchelbruch vor zwei Jahren. Was zwei Jahre zu Hause, weil das alles nicht richtig verheilt ist. Hat die Krankengymnastik abgebrochen und sich hängen lassen. Jetzt muss sie seit einigen Monaten arbeiten, ist ganz tief in einer Depression versunken. Sie geht zur Arbeit, kommt nach Hause und legt sich hin. Außer Arbeiten, Schlafen und Essen macht sie überhaupt  nichts mehr. Selbst als sie vor ein paar Wochen bei uns war, Geburtstag feiern, hat sie am Tisch geschlafen und den ganzen Abend nur ein paar Sätze gesprochen. Sie hat echt ihren Kopf auf die beiden Hände gestützt und ist eingeschlafen.

Wenn man sie zu Hause besucht: man findet sie nur schlafend vor. Inzwischen steht sie nicht mal mehr auf, wenn wir vorbei kommen, sondern verschläft uns. Raus will sie auch nicht mehr, weil sie nicht mehr richtig laufen kann und ihr alles zuviel ist. Aber Hilfe will sie auch keine. Man hat das Gefühl, das sie mit ihren 50 Jahren echt nur noch auf den Tod wartet.

 

Da will ich auf keinen Fall hin. Habe daher gestern auch meinen Freund gefragt, ob er mich zur Not nicht anstellen kann, wenn alle Stricke reißen. Wir werden darüber sprechen, wenn es soweit ist und dann eine Lösung finden.

 

Meinen Psychiater habe ich gefragt, warum mich die Depression immer wieder einholt, auch nach so langer Zeit. Er meinte: solange meine berufliche Zukunft nicht geklärt ist und ich weiß, wo es lang geht, wird sie immer wieder durchbrechen und nicht ganz verschwinden.

 

Er meinte aber auch: wenn die beruflich-finanzielle Zukunft geklärt ist, dürfe auch meine Depression wieder der Vergangenheit angehören. Und das sind gute Nachrichten für mich . Daran werde ich arbeiten  -  an meiner beruflichen Zukunft.

 

 

 


Tag 566 - 05. Juni 2017

Wetter: Heiter bis wolkig
Stimmung: Heiter bis wolkig

 

Freitag, einen Tag vor Pfingsten hat sich wieder eine Depridecke über mich gelegt. Ich versuche immer, das mein direktes Umfeld das nicht mitbekommt.  Ich bin an solchen Tagen nicht ganz so redefreudig oder reagiere auf Ansprache schon mal unangemessen. Bisher kam aber noch keiner darauf, das ich dann in so einer komischen tieftraurigen Phase bin.

 

Das ist körperlich und mental so anstrengend für mich, das ich total erschöpft bin. Gestern Abend, am Pfingssonntag war es dann soweit. Ich habe mich während des Abendessens verabschiedet, weil ich meine Augen kaum noch aufhalten konnte. Und das obwohl ich am Vormittag schon eine kleine Runde im Bett eingelegt hatte. Und so bin ich gestern schon um halb Acht unter die Decke gekrochen. Geplant war nur ein kleiner Erholungsschlaf. Wach geworden bin ich, als mein Freund ins Bett gekrochen kam.

 

Ich habe dann nur noch das nötigste ausgezogen, mich umgedreht und bis heute Morgen ohne Unterbrechung durchgeschlafen. Ich hatte also über 12 Stunden Schlaf und wurde nur einmal kurz wach, als mein Freund ins Bett kam.

 

Wir haben heute Morgen kurz darüber gesprochen. Egal wie sehr ich mein berufliches Leben neu aufstellen will, eine Umschulung kommt die nächste Zeit wohl nicht mehr in Frage. Ich werde wohl die nächsten Tage die Rentenversicherung anrufen und den Widerspruch auf Umschulung zurück nehmen. Ich werde eine Rente auf Zeit beantragen. Den sobald ich mal 2 - 4 Tage unter Strom stehe oder nur ein klein wenig mehr auf dem Tagesplan steht, kannst du mich danach in der Pfeife rauchen. Kein Arbeitgeber möchte so einen Arbeitnehmer bei sich einstellen. Da sind die Krankheitsausfälle ja regelmässig vorprogrammiert.

 

Das würde mich selbst extrem frustrieren, ich würde meine Leistungsfähigkeit erneut hinterfragen und mich direkt wieder in die nächste Depression manövrieren, obwohl diese Episode noch nicht mal vorbei ist.

 

Nächste Woche geht es jetzt erst einmal für 6 Tage nach Südtirol. Im flacher gehaltenen Gefielden wandern und Radl fahren. Das ist Auftanken und Stress zugleich für mich, obwohl ja keiner was von mir will.

 

Alles was mich von zu Hause wegholt und nicht mein üblicher Tagesablauf ist, stresst mich. Egal wie sehr ich alle Fünfe gerade sein lassen möchte.

 

 


Tag 551 - 21. Mai 2017

Wetter: Sonnenschein
Stimmung: melancholisch - betrübt

 

Heute morgen saß ich mit einem unserer Kater auf der Terasse. Sonne schien, Kater super schmusig, gut gefrühstückt und noch vollkommene Ruhe im Haus. Ich war gut drauf und meine Stimmung war so sonnig wie das Wetter. Von einer Sekunde auf die andere zogen ganz plötzlich Stimmungswolken auf und ich wurde melancholisch.

 

Ich kann diese Melancholi heute einfach nicht abschütteln und laufe vollkommen ohne Grund seit Stunden unruhig durch den Vormittag. Dabei lastet keinerlei äußerer Druck auf mir.

 

Die Ummeldung von einem Arbeitsamt zum anderen ging vollkommen problemlos. Mein Arbeitslosengeld ist mir sicher bis Mitte März 2018. Die Wundheilung verläuft gut. Mein Konto ist das erste Mal seit Jahren ausgeglichen. Ich habe keinen erkennbaren Stress mit meinem Freund oder seiner Tochter. Alle in meiner Familie sind gesund. Unseren Katern geht es gut und ich fühle mich wohl hier.

 

Warum sehne ich mich dann immer wieder zurück zu meinem alten Zuhause? Dort wo ich viele Jahre alleine und einige Jahre zusammen mit meinem geschiedenen Mann verbracht habe. Dort wo meine Tiere begrabe liegen. Dort, wo seit Monaten neues Leben und neue Zuhause für meine Brüder, Schwägerinnen, Neffen und Nichten entstehen.

 

Es ist mir, als ob ich einen Teil von mir zurück gelassen habe. Irgendein Stück von mir fehlt mir seit ich von dort weggezogen bin. Obwohl ich doch soviel Neues und Tolles dazu gewonnen habe.

 

Diese Verlustängste und das "nicht loslassen können" verfolgen mich nun seit meiner Kindheit. Ich weiß es noch wie Heute, ich stand in der Küche und plötzlich kroch so ein "hier stimmt was nicht-Gefühl" in mir hoch. Ich konnte es nicht deuten, aber es war da. Ich fühlte mich einsam und verlassen, inmitten meiner Familie. Und das als unbeschwertes Kind. Wie kann ein Kind schon so mächtige Gefühle haben, wo es doch eigentlich noch nichts schlechtes erlebt hatte.

 

Mit jedem Tod, der mich extrem berührt, geht ein Stück von mir mit fort. Sei es die Oma oder meine Katzen oder Hasen. Nicht bei allen, nicht bei jedem, obwohl ich sie alle gleich gerne liebe. Aber bei dem ein oder anderen Tod verschwindet ein Stück von mir mit. Ich bin inzwischen wie ein Schweizer Käse mit vielen kleinen oder größeren Löchern.  Ich betrachte diese Löcher nur selten bewußt, das tut mir zu weh.

 

Vielleicht sollte ich meine Einstellung zu diesen Löchern ändern? Sie machen mich mit aus, sie machen mein Leben reich an Erfahrung. Und sie konnten nur entstehen, weil ich diese Löcher zuvor so sehr geliebt habe. Diese Löcher sind doch im Grunde genommen etwas besonderes. Den nicht jeder, der von mir geht, hinterlässt ein Loch. Es hinterlassen nur die ein Loch, mit deren Seele ich anscheinend etwas ganz besonderes verbunden habe.

 

Ja genau, vielleicht sollte ich es so herum sehen. Es sind meine goldenen Seelenlöcher. Kleine Teile, die vor mir gegangen sind und die die, die gegangen sind, mitgenommen haben. Sie scheinen einen kleinen Teil von mir auch im Tod bei sich haben zu wollen. Ein tröstlicher Gedanke, den auch ich scheine ihnen näher gewesen zu sein.

 


Tag 547 - 17. Mai 2017

Der letzte Eintrag liegt 4 Wochen zurück. In der Zwischenzeit habe ich eine Absage für weitere Therapiestunden erhalten. Es hinterlässt mich eher ratlos und ich sollte dringend Widerspruch einreichen. Schon wieder Widerspruch, ständig Widerspruch. Ob Rentenversicherung, dringend benötigten Wiederherstellungs-OPs oder nun auch die Verhaltenstherapie.

 

Auch wenn ich bei den WHOs erfolgreich war, ich bin ratlos und weiß nicht, was ich wegen der Verhaltenstherapie schreiben soll. Genau hier ist mein Kopf so leer.

 

Außerdem habe ich wegen doppelten Terminen (die ARGE wollte plötzlich auch was von mir) schon vor Wochen zum zweiten Mal den Termin beim Psychologen absagen müssen. Ich schäme mich dafür und schiebe eine erneute Terminvereinbarung seither mit mir herum. Nützt ja nichts, ich rufe dann gleich mal an.

 

Ansonsten schwanke ich zwischen total Entspann, Himmelhochjauchenz und absolute Traurigkeit hin und her. Und war ich Tagestakt, mal ein paar Tage so, dann mal wieder anders. Egal ob die Sonne scheint oder nicht - das hat keinen Einfluss auf gute oder schlechte Tage.

 

Ich befürchte, bald ist die Geduld in meinem direkten Umfeld auch zu Ende. Wie kann es einem an einem Tag richtig gut gehen und nur wenige Tage später ist man stumm wie ein Fisch und gibt nur noch kurze Antworten.

 

An solchen Tagen kann ich ehrlicher Weise wirklich verstehen, warum manche Menschen keinen Ausweg mehr sehen.


Tag 516 - 18. April 2017

Heute hatte ich nach meiner Umzugspause wieder einmal Verhaltenstherapie und ich habe mich sehr darauf gefreut. Diese Stunde war heute meine ganz persönliche Auszeit. Um kurz nach 6:00 Uhr hat der Wecker geklingelt und um 7:45 Uhr war ich dann außer Haus. Erst Arzt, dann auf halben Weg zurück nach Hause die Mülltonne und Biotonne abgeholt und zu Hause abgeliefert. Zurück ins Auto und zur Verhaltenstherapie gefahren. Von dort aus in 6 verschiedene Läden meine Besorgungen gemacht. Um 13:00 Uhr nach Hause gekommen, kurz Mittag gemacht.

 

Danach 2 Stunden Haushaltsmarathon, weil Morgens keine Zeit war. Anschließend Lavendeln besorgt, weil die nicht mehr auf den Waagen des Landschaftsgärtners gepasst haben.

 

Danach kurz 15 Minuten Pause, anschliessend ins Kieser Training. Wieder zu Hause, kurz Abendessen und Haushaltsbuch anfangen.

 

Seit 20:15 Uhr endlich Zeit für mich!

 

Darum war die Therapie heute soooo willkommen. Seit 25. März habe ich solche Tage und das macht mich mürbe. Selbst über Ostern waren wir mit Haushaltsauflösung beschäftig. Auch wenn ich nun endlich meinen Schlüssel abgeben durfte. Es ist immer noch der dritte und letzte Haushalt unter Druck aufzulösen. Das dauert noch einige Wochen an.

 

Ehrlich? Ich freue mich auf meinen OP-Termin. Ich freue mich auf die Auszeit im Krankehaus und werde bergeweise Bücher lesen und "kreative ICH-Zeit" geniessen. Nach meiner Entlassung stehen dann noch mind. 2 Wochen Haushaltsverbot an und danach ein langsames eingewöhnen. Also keinen Staubsauger von oben nach unten schleppen. Keine Einkäufe schleppen und den Haushalt nur rudimentär die ersten zwei Wochen Post-OP machen.

 

Mit der Verhaltenstherapeutin habe ich heute besprochen, das ich bis zum Krankenhaus jeden Tag 1 - 1,5 Std. Auszeit nur für mich nehmen soll. Da am Vormittag alles außer Haus ist und ich ja immer ein schlechtes Gewissen habe, soll ich das für den Beginn am Vormittag machen. Irgendwann soll ich die Auszeit aber auch einfordern, wenn andere im Haus sind.

 

Ich will jetzt auf alle Fälle versuchen, so langsam meine Routine zu bekommen. Die erste Haushaltsroutine sitzt auch schon und geht mir gut von der Hand. HIer kommen mir meine fast 20 Jahre Erfahrung als Hausdame zu Gute. Die Handgriffe sitzen und es geht einfach schneller. Binnen 2 Stunden sind 3 Katzenklos geleert, 2 Bäder Basisgeputzt, die Küche auf Vordermann gebracht und knapp 150 qm  gesaugt. Das macht Mut, weil es am Anfang den ganzen Vormittag dazu gebraucht hat.

 

Langsam komme ich auch wieder zum Denken. Und ich schlafe Abend nicht mehr ein, sobald mein Kopf das Kopfkissen berührt. Ich kann also meine abendlichen Lesestunden wieder einführen.

 

 


Tag 513 - 14. April 2017

Karfreitag - und trotzdem war Arbeit angesagt. Ich habe heute zwei große Umzugskartons aus meiner Vergangenheit aussortiert. Teilweise nach aus dem Jahr 2005 und viel älter (zum Beispiel meine ganzen Schulzeugnisse) Vieles kommt zu Altpapier oder in die Müllverbrennung, anderes wiederum habe ich aufbewahrt. So wurden aus zwei großen Umzugskarton bisher ein halber Umzugskarton, der mit ins neues Haus kommt. Den einige Sachen stehen in unserem Zwischenlager - im Elternhaus von Lothar.

 

Teilweise war das aussortieren mit schönen Erinnerungen verbunden, wie mit meiner Abschlussfeier zur Mediengestalterin oder einem Bild zu meiner Kommunionszeit. Teilweise war das aussortieren emotional leicht und manchmal sehr schwer.

 

Die Fotocollage meiner Hochzeitsreise auf den Entsorgungshaufen zu werfen, viel mir nicht schwer. Ich habe ja alle Bilder digital auf Festplatte oder CDs abgespeichert. Als mir dann aber Gehaltszette und Arbeitsverträge in die Hände vielen, viel ich aus allen Wolken. Ich habe mich bei manchen Stellen schon sehr kräftig unter Wert verkauft und somit einen guten Teil meiner Schulden aufgebaut.

 

Da gab es unter anderem eine Stelle die mir monatlich knapp 900 € netto eingebracht hat. Dabei betrugen meine Benzinkosten um zur Arbeit zu kommen, damals schon weit über 200 €. Kein Wunder das mir mein Lohn nicht gereicht hat. Das mir das Früher nicht auffiel? Das war  mein niedrigster Lohn in meinem erwachsenen Leben. Einmal hatte ich Glück, da kam ich mit 1.700 @ netto nach Hause und fand das ein wirklich sehr gutes Gehalt. Meist lag ich im Durchschnitt bei 1.200 € netto je Monat. Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, das sind Zusatzleistungen die ich in meinem Arbeitsleben, wenn es hochkommt, vielleicht 2 - 3 mal kennenlernen durfte.

 

Meine Schulden sind Konsumerschulden. Aufgebaut durch PC (den ich als Umschülerin zur Mediengestalterin gebraucht habe), durch gebrauchte Autos (weil die öffentlichen Verkehrsmittel und meine unregelmässigen Schichten nicht zusammen passen wollten). Einer mietfreien Wohnung, bei der mir aber die Nebenkosten (ca. 550 €) die Haare vom Kopf gefressen haben. Und so Dingen wie Kleidung, extra Essen gehen, Bücher ......

 

Also teilweise benötigte Sachen (gerade die großen Anschaffungen) und Luxusartikel wie Bücher, Kleidung. Ich habe sie verursacht und teiweise habe ich mich zu billig verkauft und mich gerne von meinen Arbeitnehmern ausnehmen lassen. Ich war bisher immer zu 150 % in meiner Arbeit engagiert. Überstunden? Kein Problem und oftmals die Regel, bis hin zu einer 50 Std.-Woche ohne Ausgleich.

 

Und als mir dann Heute so Arbeitsverträge mit sattem Stundenlohn von unter 8 € Brutto und einem Zuschlag von 0,71 € in die Hände gefallen sind, bin ich aus meiner Vergangenheit gefallen. Ich habe geweint, war sauer und jetzt bin ich wütend. Warum habe ich das mit mir machen lassen und zwar über viele Jahre hinweg? Immer habe ich eine große Klappe und weiß mich zu wehren. Ich habe auch verhandelt, kein Problem und trotzdem habe ich zu wenig rausgeschlagen. Wie kann man als Single mit Wohnung mit 1.200 € netto über die Runden kommen, wenn alleine die Festkosten an Versicherungen, Benzin und Wohnungsnebenkosten schon satte 800 € ausmachen. Ich habe es nie geschafft, nur von 400 € für Lebensmittel und Klamottenzeugs zu leben. Weil man ja auch ins Kino geht, Essen geht und was weiß ich was.

 

Ich habe es dagegen geschafft, jeden Monat mehr ins Minus zu rutschen. 2 Stunden Arbeitsweg und 9 Stunden in der Arbeit, hätte ich vielleicht doch noch einen Nebenjob annehmen sollen? Wo hätte ich herunterschrauben können?

 

Es macht mich wütend auf mich und auf das System. Und es zeigt mir, wo in Teilen der Ursprung meiner Depression herkommt. Ich stand finanziell nie auf festen Beinen. Bin ab Anbeginn meiner Berufstätigkeit mehr schlecht als recht bezahlt worden. Ich war doof, um es kurz zu formulieren. Am liebsten würde ich sofort als Aktivistin für gerechte Löhne auf die Straße rennen.

 

Egal, es war ein emotional harter Tag für mich und nach dem aussortieren von zwei Kartons war für mich das Ende der emotionalen Fahnenstange erreicht. Als Lothar meinen Arbeitsvertrag und die Gehaltszettel sah, hat er nur mit dem Kopf geschüttelt.

 

Für den Moment und für das erste Mal in meinem Leben seit ich selbst mein Geld verdiene, muss ich nichts zum Haushalt beisteuern. Priorität "Eins" ist das in Ordnung bringen meiner Finanzen und danach soll ich zum Haushalt prozentual beitragen.

 

Mein geschiedener Mann wollte immer als 50/50 haben, obwohl ich mehrere Hundert Euro netto weniger in der Tasche hatte. Ich kann mein jetztiges Glück also  kaum fassen und frage oft auch nach. Ich kann nicht glauben, das mein Freund das genauso meint, wie er das sagt. Mein geschiedener Mann hat nämlich oft etwas gesagt und etwas ganz anderes gemeint. Mein Freund hingegen meint was er sagt! Daran muss ich mich auch nach 5 Jahren immer noch gewöhnen.

 

Es ist an der Zeit, das ich nun endlich gesund werde kann. Mir werden Lasten von der Schulder genommen. Ich darf mich auf das Hausfrau-sein für den Moment beschränken. Das finde ich gut!

Ich bin mir ziemlich sicher, das es in den nächsten Monaten kontinuierlich mit mir bergauf geht. Darauf freue ich mich schon jetzt.

 

Außerdem steht endlich ein Termin an, wo wir zu zweit bei meiner Verhaltenstherapeutin antanzen. Ende April werden wir kurz zu zweit drin sein und dann werde ich den Raum verlassen und Lothar kann sich ausprechen. Ich bin gespannt.

 

 


Tag 511 - 12. April 2017

Die erste Anspannung legt sich. Ich hatte ja viel Respekt vor dem Zusammenzug. Auch wenn es noch ziemlich frisch ist, wir spielen uns immer mehr ein. Und mir tut die Gesellschaft sehr gut. Das ich mich selbst auf den Haushalt reduziert habe, tut mir auch unheimlich gut.

 

Selbst dieser ist an manchen Tagen eine große Herausforderung für mich. Ich merke, das oft schon mit der Auswahl, was ich Kochen soll, überfordert bin. Mir fehlt das Selbstvertrauen, bei einer Beschäftigung, die ich früher gerne getan habe.

 

Bisher hat es beiden zum Glück gut geschmeckt, so das ich hier sicherlich bald wieder aus meinem vollen Repertoire schöpfen kann.

 

Durch den ganzen körperlichen Stress hatte ich in den letzten Wochen keine Zeit, in ein tiefes Depressionsloch zu fallen. Das finde ich sehr, sehr gut. Also kein Stimmungstief. Woran merke ich dann, das ich immer noch nicht einsatzfähig bin. An so einer Reaktionen wie heute zum Beispiel.

 

Bin ganz normal nach einer langen, erholsamen Nacht aufgestanden und habe gefrühstückt. Habe den Basishaushalt gemacht und wollte dann kurz im Netz serven. Immerhin konnte ich den Laptop noch hochfahren, das war aber auch schon alles. Dann war´s aus mit der Energie, ganz plötzlich.

 

Den ganzen Tag, bis zum Abend hin, kam ich nicht mehr richtig auf die Beine. Habe am Sofa geschlafen und am Nachmittag meine Wohnung übergeben. Und trotz Vormittagsschlaf bin ich immer noch müde, unglaublich. Ich werde also auch heute Nacht wieder schlafen, als hätte ich Wochen lang nicht geschlafen.

 

Ich bin im Augenblick leichter reizbar, gerade an Tagen wo ich an fünf Orten gleichzeitig sein muss. Morgen auch wieder. Einkaufsmarathon in den Supermarkt, Getränkemarkt, Drogeriemarkt und zum Fressnapf. Hilfe mir graut und ich habe mir meine Leihtochter als Unterstützung geangelt.

 

 


Tag 493 - 25. März 2017

Es sind komische Gefühlszeiten für mich im Moment. Seit der Trennung und dem Auszug meines geschiedenen Mannes Anfang 2012 lebe ich für mich alleine. War es Anfangs sehr schlimm für mich, so habe ich im Laufe der Zeit gelernt, mein Single-Wohnleben richtig zu geniessen. Für mich hatte es fast nur Vorteile und es hält eine Beziehung jung.

 

Und nun sind meine Küchenschränke leer. Komplett ausgeräumt und mein Küchenleben steckt in 8 Umzugskartons. Viele Sachen habe ich aussortiert und entsorgt. Das war körperlich und mental sehr anstrengend für mich. Über 8 Stunden reine Packzeit. Mind. 10 mal die zwei oder drei Stockwerke (wenn ich in den Keller musste) rauf und runter. Jede Menge gepackter Umzugskisten stehen jetzt vor meiner Wohnungtüre im Treppenhaus. Zum Glück wohne ich im obersten Stockwerk und kann alles vor der Wohnung lagern.

 

Meine Schuhe habe ich auch schon aussortiert und eingepackt. Morgen ist Pack-Pause. Wir wollen die letzte wichtige Lampe im neuen Haus anbringen. Einzig die im Treppenhaus fehlen noch aus gutem Grund. Nicht das wir die ersten Lampen schon beim Umzug  nieder machen.

 

Und ich will dann noch den zweiten Kratzbaum aufbauen, der erste steht schon und wartet geduldig auf die Übernahme durch drei Kater.

 

Morgen ist der schönster Tag dieser Woche und wir gehen Wandern. Tut meinem Gefühlschaos gerade gut, denke ich. Ich will und will doch nicht - umziehen - zusammenziehen.

 

Ich habe viel Respekt vor dem Schritt und ich wünsche mir, das wir ihn alle drei gut meistern und nicht allzu oft im Alltag aneinander ecken. Ich hoffe, ich finde dann immer noch meine ICH-Zeit, die ich mir in den letzten 18 Monaten erst erarbeitet habe. Also malen, alleine spazieren gehen, in der Wanne liegen und träumen, mit den Katern schmussen. ICH-Zeit, also keine Lese- oder TV-Zeit, wo man die Gedanken nicht fließen lassen kann. Ich habe in der Therapie gelernt, das das für mich angeblich wichtig ist.

 

Und so leert sich diese Woche Zimmer für Zimmer in meinem kleinen Wohnung. Ich werde meine Vermieter und dessen große Familie vermissen. Vor allem den kleinen Elias, ein absoluter Sonnenschein mit gerade mal 5 Monaten.

 

Und gleichzeitig freue ich mich aber auch. Endlich gemeinsam einschlafen und aufwachen dürfen. Nach einem gemütlichen Abendessen nicht noch mal raus vor die Türe müssen, weil ich noch nach Hause muss. Ich bin ja dann zu Hause. Das meine Kater nach über 3 Jahren als Hauskater dann wieder raus können. In die freie Natur, wie es für Katzen bestimmt ist.

 

Mein Oskar war heute ganz aufgeregt, er merkt, das was auf ihn zukommt. All die Kisten, das Packen, die Hektik. Er saß den halben TV-Abend neben mir auf dem Sofa und hat mich mit seinem Pfötchen gehalten. So nach dem Motto: "Hau du mir ja nicht ab." ;-)

 

So, mein Geist muss jetzt runter und ich brauch morgen eine extra Kuscheleinheit von meinem Schatz, der mir sagt das es gut ist. Am Abend will ich dann weiter packen. Ich glaube, als nächtest das Wohnzimmer und dann das Büro und Bad. Als letztes kommt mein Schlafzimmer dran.

 

 


Tag 482 - 17. März 2017

LEER

 

Das beschreibt es Heute am besten. Ich bin einfach nur noch leer. So erschöpft, das ich zu nichts mehr körperliche Energie oder seelische Lust habe. Obwohl meine Tabletten extra in so Tablettenbehälter sind, habe ich allen Ernstes gestern Abend anscheinend die doppelte Dosis genommen. Gerade eben festgestellt. Mein Hirn ist leer, keine Konzentration und heute eigentlich bei allem was ich tue immer den Tränen nahe.

 

Selbst die Hausaufgabe für die Verhaltenstherapie ist mir diese Woche zuviel.

 

Der Terminmarathon geht nun bis Mittwoch weiter. Jeder einzelne Tag hat mind. 1 oder 2 Termine für mich. Samstag, Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch. Halt nein, ich habe den Donnerstag vergessen. Da geht es ja zur ARGE wegen meines Harzt IV Antrags und Freitag der übliche Wochentermin.

 

Ich drehe gerade am Rad merke ich. Gerade meinen Kalender angesehen. Ich habe bis 29.03. jeden Tag mind. 1 Termin drin stehen. Selbst an den Wochenenden haben wir irgendwelche Verabredungen. Mir wird das gerade viel zu viel.

 

Es ist, wie wenn mein Hirn aus elektischen Schaltkreisen besteht und anfängt hie und da Funken zu schlagen. Kurz vom Kurzschluss quasi.

 

Selbst die Nachricht, das ich heute den Widerspruch geschafft habe und die OP nun genehmigt ist. Nicht mal das hat auch nur einen Hauch von Freude in mir ausgelöst. Nicht falsch verstehen, im Normalfall würde ich im Kreis hüpfen und Gott und die Welt anrufen. Allein, mir fehlt die Energie dazu. Zum Anrufen, zum Freuen, zum Ausgefragt werden. Die Energie für alles. Eben war Lothar und Tochter einkaufen und ich war so platt, das ich sie alleine in den Rewe geschickt habe. Ich habe die Ruhe im Auto inhaliert. Auch die Einladung zum Abendenessen habe ich ausgeschlagen. Zuviel Hektik beim Kochen und keine Lust auf den zweiten Haushalt. Habe meinen heute nur noch rudimentär gemacht.

 

Meine Erschöpfung, körperlich wie seelisch, lässt den Tinnitus wieder voll durchkommen.

 

Daher geht es jetzt auch aufs Sofa und ziemlich bald dann ins Bett.

 

 

 


Tag 481 - 16. März 2017

Ich soll seit diesen Montag mein Tagebuch für die Verhaltenstherapie etwas einfacher und übersichtlicher gestalten. Es ist nun aufgeteilt in 4 Blöcke:

 

  • Vom Aufstehen bis 12:00 Uhr
  • 12:00 Uhr bis 16:00 Uhr
  • 16:00 Uhr bis 20:00 Uhr
  • 20:00 Uhr bis zum Bett gehen

Und jedem Zeitblock soll ich eine Stimmungsnote geben. 0 = ganz tief drin  -  bis 9 = ist supergut.

 

Diese Woche war ich jeden Tag unterwegs. Mal bei Ärzten dann der Neubau, die Mülldeponie oder das Jobcenter. Es gab keinen Tag, wo ich nicht mindestens auf 2 Hochzeiten getanzt habe und nur zum Pause machen kurz zu Hause war.

 

Und das lässt sich gut auf meinem Stimmungsparameter ablesen. Am Dienstag war ich noch bei fluffigen 7 und heute Abend ging es dann runter bis auf 2. Ich schäme mich vordergründig zwar dafür, das ich Hartz IV beantragen muss, bis über das Arbeitslosengeld entschieden wird. Aber belastet es mich tiefer? Nein.

 

Mich hat wieder eine "es ist doch eh alles egal" Stimmung erfasst.Heute als ich das Obergeschoss für den Parkettleger vorbereitet habe, stand ich oben auf der Treppe, wo es den freien Fall nach unten ins EG hat. Habe mir vorgestellt, was passieren könnte, wenn ich einfach runterfallen würde. Dann kam mir der Gedanke, das es wahrscheinlich nur ein harmloser Beinbruch wäre. Und ich fing an darüber nachzudenken, wie man das besser hinkriegen müsste. Müsste wohl eher einen Kopfsprung von unten machen. Die Gedanken sponnen sich weiter ..... kein Handyempfang, das wäre gut. Wenn ich da so mit einer Kopfverletztung oder sonstigen Verletztung die jämmerlichen 2,30 Meter nach unten falle, es würde keinem erst mal auffallen. Mein Schatz unterwegs bei seinem Geschäftspartern, meine Familie 70 Kilometer weiter weg und Kollegen hätte ich ja auch keine, die mich suchen würden. Es würde also erst am nächsten Tag auffallen, wenn der erste Handwerker käme. Bis dahin hätte ich gute Chancen, das ich verblutet wäre.

 

Ich hasse diese dunklen Tage, die immer mal wieder durchdringen. Und ich frage mich, warum die Medikamente im Moment nicht überall anschlagen können. Sie bringen es fertig, das es mir egal ist, wenn ich drei Wochen ohne Geld dastehe. Aber sie bringen es nicht fertig, das ich keine solchen tiefen Gedanken mehr habe.

 

Mein Schatz hat sich heute Abend dann doch noch telefonisch bei mir gemeldet. Dann schlägt mein schlechtes Gewissen durch, das ich solche Gedanken überhaupt denken kann. Er liebt mich ganz tief und fest und ich denke so etwas blödes. Wie kann ich das nur denken oder ihm antun wollen.

 

Solche Gedanken habe ich vor allem, wenn ich körperlich sehr erschöpft bin. Die letzten Tage waren mal wieder zuviel für mich und das Arbeitsamt siniert, ob ich 15 Stunden die Woche arbeiten kann. Ich wünsche mir 15 Stunden die Woche zu können, aber es ist immer noch in weiter Ferne und nicht erreichbar für mich. Es macht mich zu einem Seelenzombie, der dumme Gedanken ist sich wachsen lässt.

 

Ich wünsche mir wieder 15 Stunden arbeiten zu können und hoffe aber gleichzeitig, das mir die ARGE noch etwas Zeit gibt. Im Moment bin ich nur mit meinem Minikram schon mehr als überfordert. Kacke ist das.

 

Morgen muss ich wieder früh raus - Hausarzt steht auf dem Terminkalender. Er schreibt mich erneut für 1 weiteres Monat krank. Danach muss ich zur Mülldeponie, kleine Pause für mich. Dann geht es weiter mit meinem Schatz, wir haben Mittag einen Termin.

 

Am Samstag morgen kommt mein Bruder und meine Schwägerin auf den Bau, sie sollen sich den Verputzt ansehen. Wir haben den gleichen Stuckateur. Am Sonntag sind wir bei meiner Familie, dort trifft sich alles zum Essen gehen.

 

Montag erneut Verhaltenstherapie. Ich sehne jetzt schon den Dienstag herbei, da werde ich das Telefon ausstecken und einfach nur im Bett bleiben und mich ausschlafen und in der Badewanne erholen. Ich brauche 1 Tag Auszeit ohne Ansprache und Anspruch an mich.

 

 


Tag 473 - 08. März 2017

Ich finde mein tägliches Stich-Tagebuch ernüchternd und kann mich nur schwer motivieren. Am liebsten würde ich ehrlich gesagt schummeln, den ich fühle mich wie ein Nichtsnutz, wenn ich das so lese. Ganz schrecklich. Schuldig im Sinne der Anklage - ich bin Faul!

 

Da stehen Dinge oben, wie: telefonieren, kochen, putzen, Internet, TV, schlafen (heute während des Tages gleich zweimal), lesen ....... kurzum.... abhängen und nichts tun. Und trotzdem finde ich keine Erholung. Kaum stehe ich auf, mache meine kleine Haushaltsrunde und versorge die beiden Kater, bin ich auch schon wieder so müde, das mir die Augen im Stehen zufallen. Das Gleiche wiederholt sich dann am Nachmittag. Und unglaublicher Weise liege ich nicht bis Mitten in der Nacht wach, nein, man bekommt mich anschliessend vor Mitternacht wieder ins Bett und ich wache (seit einigen Tagen) spätestens um 7:30 wieder auf.

 

Dieses stichpunkthaltige Tagebuch bringt mich dazu, mich wieder bewerben zu wollen. Und das macht ja noch weniger Sinn, weil ich keinen kompletten Arbeitstag durchhalte.

 

Zum Glück darf ich morgen wieder auf die Baustelle. Wir fangen an zu putzen. Erst einmal die kompletten Böden im Haus staubsaugen und feucht wischen. Die Fenster stehen auch noch an. Mal sehen, vielleicht schaffe ich es morgen gleich, das ich zumindest noch anfange. Bei mir ist nach 2 - 3 Stunden körperlicher Arbeit der Saft raus und ich lege mich meist hin. Den ich werde fahrig, unruhig, gleicheitig aber so müde, als hätte man mir den Stecker gezogen.

 

Ich freue mich, wenn ich demnächst weiß, an welcher Form von Depression ich genau leide. Den es ist immer schön, wenn man den Namen seines Gegenübers kennt. Und vielleicht kann mir dann auch noch viel zielgerichteter geholfen werden. Im Moment schlafe ich zwar viel, aber viel Schlafen heißt nicht: das man gleichzeitig auch einen guten und erholsamen Schlaf hat. Darum bin ich wahrscheinlich auch ständig so müde. Mein Hirn arbeitet und ich träume oft sehr verwirrend oder habe das Gefühl das ich überhaupt nicht geschlafen habe (vor allem unterm Tag) und trotzdem sind 2 Stunden vergangen und ich habe nichts davon mitbekommen, das ich irgendwann anscheinend doch geschlafen habe. Alles verwirrend, ich weiß.


Tag 472 - 07. MÄrz 2017

Jetzt geht es an des Pudels Kern, wenn man so will. Den ich habe bei meiner letzten Therapie zum ersten Mal erwähnt, das mich so ein trauriges Tief auch öfters aus dem kompletten Nichts heraus trifft. Kein Grund ersichtlich und von einer Sekunde auf die andere. Ich fand das nicht sonderlich erwähnenswert bisher, warum auch. Ich dachte das gehört dazu, zum Krankheitsbild.

 

Und so soll ich jetzt ein stichpunktartiges Tagebuch für jeden Tag führen. Wieviel ich was, wann gemacht habe und auch die Tiefs dokumentieren. Evtl. lässt sich hier ein Muster erkennen. Auslöser können nämlich auch Situationen sein, die schon Tage zurück liegen.

 

Also schreibe ich jetzt bis Ende März stichpunktartig jeden Tag auf. Danach wissen wir hoffentlich welche Depression ich habe. Das es eine schwere Depression ist und nicht wie anfangs vermuter, eine mittelschwere Depression, das ist schon mal gesichert.

 

Entweder ich habe dann eine Edogene Depression, die auch dem Nichts heraus kommt und keine äußeren Ursachen braucht, sondern von Innen heraus entsteht. Meine Neurotransmitter funktionieren dann nicht mehr richtig. Die andere Depressionsart habe ich mir nicht merken können. Aber egal.

 

Irgendwie erleichtert es mich, wenn das Kind jetzt dann mal einen Namen bekommt. Den ich bin diese ewigen Auf und Abs einfach leid.

 

Im Moment habe ich wieder eine Phase, wo ich schon seit Tagen kein Buch mehr in die Hand nehmen kann, weil ich den Sinn des Geschriebenen nicht verstehe. Mein Kopf leert sich, mit dem Blättern der Seiten immer mehr und ich kann mich wieder mal nicht konzentrieren. Mir fehlt die Lust zu allem und ich bin ehrlich gesagt ziemlich froh, das ich in der ganzen Zeit meinen Haushalt aufrecht gehalten habe.

 

Im letzten Sommer hatte ich dann auch kurzzeitig einen komischen Tick entwickelt, der mehrere Monate andauerte. Ich habe Hamsterkäufe getätigt. Es standen zeitweise bis zum 10 Packungen mit jeweils 6x1,5L Getränke vor meiner Wohnungstüre. Sobald ich nur noch 4 Packungen stehen hatte, habe ich die Panik bekommen und bin losgetigert um neue zu Kaufen. Ich hatte auch immer mind. 2 Großpackungen WC-Papier in der Wohnung, ich lebe alleine! Das sind nur zwei Beispiele.

 

Das fing ganz schleichend an, gehört aber auch zu meiner Depression, wie ich gestern erfahren habe. Das kann eines der Symptome sein. Zum Glück konnte ich das über den Winter jetzt wieder abstellen, das ist nämlich nicht nur eine Frage des Geldes, sondern auch eine Logistische Herausforderung.

 

Es kann sein, das ich mein Leben lang Antidepressivas nehmen muss. Sie haben ihren Schrecken für mich verloren und es würde mich nicht mehr die Bohne stören. Wenn es mich dabei unterstützt, wieder in meinen früheren Zustand versetzt zu werden, super. Sie machen ja keinen anderen Menschen aus mir, sondern bringen das zum Vorschein, was die Krankheit begraben hat.

 

Ich fühle mich auf alle Fälle wohler, wenn ich weiß, welche der vielen Depressionen ich dann habe. So kann ich mich besser damit arrangieren und an mir arbeiten, das ich leichter damit umgehe.

 

 

 


Tag 470 - 05. März 2017

Jetzt ziehen wir also wirklich zusammen, nur noch 4 Wochen. Es ist eine Sache, einen depressiven Partner an seiner Seite zu haben, aber nicht mit ihm zusammen zu wohnen. Es ist auch nicht das Gleiche, wenn man gemeinsam in den Urlaub fährt.

 

Jetzt heißt es, den Alltag zu meistern.

 

Und ich weiß noch nicht genau, wie ich das machen soll. Soll ich meine schlechten Phasen überspielen, wo ich wie Beton im Bett oder auf dem Sofa liege. Selbst wenn meine Gedanken wollen, das ich Aufstehe, meine Muskeln reagieren nicht.

 

Ich habe Bedenken und ich möchte nicht, das mein Freund oder seine Tochter mich so sehen. Bisher konnte ich das gut übertünchen. An schlechten Tagen bin ich zu Hause geblieben und an weniger schlechten Tagen oder wenn es mir gut ging, haben wir gemeinsam Dinge unternommen.

 

Was werden sie von mir Denken, wenn ich ohne es selbst richtig zu merken, stundenlang eingerollt liege und immer den selben Fleck anstarre. Nur mein Kater neben mir, der mir zuschnurrt.

 

Und wenn ich dann am nächsten Tag aus dem Bett hüpfe und gleich mit dem Saugen beginne. Meine Gefühlsschwankungen sind unglaublich und ich weiß nie, wie ich am anderen Tag drauf sein werde.

 

Vorspielen kann ich nur eine Zeit lang, das ist zu anstrengend und reitet mich tiefer rein. Ich bin froh, das ich den Vormittag als Freiraum habe, wo Beide außer Haus sind.

 

Ich glaube, das wird jetzt ein Lernprozess für uns alle werden und ich hoffe, ich belaste meine neue Familie damit nicht zu sehr. Mit meiner Verhaltenstherapeutin bespreche ich mich schon seit einigen Stunden.  Wir erarbeiten, wie ich mit gewissen Situationen umgehen kann.

 

 


Tag 496 - 04. März 2017

Heute morgen wurde ich aufgeweckt von Sonnenstrahlen in meinem Gesicht und von meinen beiden Katern schnurrend und schmussten wachgekuschelt. Klar, das alles diente dem Selbstzweck der Fütterung. Und trotzdem liebe ich dieses Morgenritual und zumindest der ältere von beiden Katern geniesst dieses tägliche Morgenritual ebenso sehr wie ich.

 

Ein ganz normaler Tagesbeginn ohne Traurigkeit und mit einem Lächeln im Gesicht. Und meine Energie war trotz Erkältung so auf dem Damm, das ich mich gleich an die kleine Hausordnung gemacht habe.

 

Danach war ich zwar durchgeschwitzt und müde, aber eine kleine Auszeit hat ausgereicht. Dann ordentlich eingepackt mit Schal und allem was dazugehört. Das Dach vom Cabrio aufgemacht und zu meinem Freund gefahren. Meine Stimmung - angenehm und gut.

 

Etwas mit ausgeräumt und aufgepasst, das ich nur leichte Sachen aus dem Haus getragen habe. Habe nicht einmal eine Stunde mitgeholfen. Danach wieder ins Cabrio, dieses Mal mit meinem Freund und zum Eis essen gefahren. Mir einen stark verkleinerten Krokant-Becher ohne Sahne gegönnt und etwas leicht geplaudert. Dann ging es noch zum Haus, den ich hatte im Internet nach langem Suchen endlich einen passenden Kleiderschrank gefunden. Wir haben ausgemessen und es sollte passen. Ich habe mich tierisch darüber gefreut.

 

Wir sind eingestiegen und wieder in Richtung altem zu Hause gefahren. Stimmung immer noch gut!
Und dann, aus dem kompletten Nichts heraus brechen die Tränen ist strömen aus mir raus. Ich kann nicht sagen warum, es hatte keinen offensichtlichen Grund. Ich wollte aufhören, aber es ging nicht. Ich finde solche Situationen alleine schon nicht gut. ABER, so eine Weinattacke aus dem Nichts vor meinem Freund? Was mag er wohl von mir denken. Er sorgt sich, fragt nach warum und ich kann keine befriedigende Antwort geben.

 

Passiert mir das öfters? Ja, das ist Teil meiner Krankheit. Ich habe bis heute Abend an dem Vorfall zu knabbern gehabt. Meinen Freund konnte ich am Abend sprechen. Ich habe versucht zu erklären. Wie erklärt man aber, das man plötzlich keine Kontrolle über solche Gefühlswelten hat.

 

Manchmal frage ich mich, was bei mir schief gelaufen ist. Wo ist der Augenblick in meinem Leben, wo ich mir die Depression eingefangen habe. Ich würde sie gerne rückgängig machen.

 

Es ist jetzt Abend. Ich hatte heute wieder jede Stimmung dabei. Gelassenheit, Freude, plötzliche Angst und jetzt ist die unheimlich still, meine Stimmung.

 

 


Tag 492 - 28. Februar 2017

Das Monster, die Hoffnung und Ich: wie ich meine Depression besiegte.

 

Ein Buch das mir in den letzten Wochen Mut gemacht hat.

 

Eigentlich werbe ich nicht, aber ich will aufmerksam machen. Ein Buch einer Betroffenen, welches Betroffenen und Angehörigen evlt. Mut machen kann. Mir hat es Mut gemacht.

 

Dieser Zustand unendlicher Traurigkeit aus dem Nichts heraus, der lässt sich nicht greifen. Noch weniger lässt es sich greifen, wenn es so lange andauert. So kompliziert der Mensch und seine Seele gestrickt ist, so einfach kann er doch in manchen Dingen sein. Er vergleicht sich gerne und ist glücklich, wenn er nach dem Vergleich irgendwie Besser dasteht als der andere Betroffene.

 

Es geht und ging mir nicht anders. Und das ist der Grund, warum ich aus diesem Buch sehr viel Kraft und Hoffnung schöpfen kann. Diese Frau, auch wenn sie im letzten Jahr nach unendlich vielen Jahren, den Kampf gegen ihre Depression verloren hat - konnte drei Jahre nicht arbeiten. Sie hat drei volle Jahre gebraucht, um sich aus der Depression wieder heraus zu schälen. Drei Jahre gebraucht, um die Kraft zu finden, endlich wieder ganze Tage konzentriert zu arbeiten ohne vor Erschöpfung ins Bett zu fallen.

 

Mir kommen meine über eineinhalb Jahre soooo lange vor. Schon viel zu lange! Mal geht es mir besser, mal habe ich das Gefühl am Anfang zu stehen. Menschen die um meinen Zustand wissen, stehen dieses ständigen Auf- und Abentwicklungen ratlos gegenüber. Ich ebenso. Aber es scheint normal zu sein. Es scheint Teil der Genesung zu sein.

 

10 - 20 % von schwer Depressiven sehen irgendwann keinen Ausweg mehr, weil das Leben zu schwer und qualvoll für sie geworden ist. Sie nehmen die Abkürzung um endlich Frieden zu finden. Ich will nicht zu diesen 10 - 20 % gehören.

 

Sally Bramton (die Autorin) war dreimal in einer Klinik. Im Nachhinein hat sie erkannt, das die Fehlentscheidungen waren, die sie aber auf Grund der Umstände in den Momenten nicht anders treffen konnte.

 

Sally Bramton hatte schon 2 Suizidversuche hinter sich, so wie sie in dem Buch geschrieben hat. Ich wage nicht, mir vorzustellen, wie man sich in solchen Augenblicken fühlt.

 

Ich hatte bisher "nur" den Wunsch, das ich am anderen Tag nicht mehr aufwachen möchte. Ich würde sie als "passive Todessehnsucht" beschreiben und nicht "aktive Todessehnsuch". Und ich fand diese passive Todessehnsucht schon sehr schlimm. Es geht Scham mit einher. Man traut es sich nicht aussprechen, weil man denkt, es könnte auch nur "Aufmerksamkeitheischend" aussehen. Dabei sind es tiefste, innerste Gefühle, gegen die man nicht ankommt, wenn sie dich überrollen. Ich gebe mich ihnen inzwischen hin. Ich kämpfe nicht mehr dagegen an. Je mehr ich dagegen ankämpfe, umso schlechter geht es mir damit. Lasse ich sie einfach über mich hinwegrollen, dann sind sie nach wenigen Tagen wieder weg.

 

Dieser Tage kann ich wieder klare Gedanken fassen. Ich stehe meiner Zukunft wieder positiv gegenüber und habe keine Angst davor. Das kann morgen schon anders sein, darum geniesse ich die Tage die gut sind.

 

Was macht den Unterschied aus?

 

Mein Freund hat mich heute damit überrascht, ohne sich vorher mit mir abzusprechen:

http://www.atrio-madeira.com/de/

 

An schlechten Tagen gäbe es eine große Diskussion darum. Ich würde sofort anfangen zu denken und zu planen. Was brauche ich für den Urlaub, was spricht dagegen, wer kümmert sich um die Katzen, scheisse das heißt ich muss die Wohnung sehr, sehr gründlich aufräumen .......

Es spricht viel mehr dagegen, als dafür und ich würde meinen Freund am Telefon sofort damit um die Ecke kommen, anstatt das ich mich Freue. Mein Freund wäre sauer, ich wäre sauer und der Urlaub im Eimer.

 

An guten Tagen, so wie heute: es zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht. Der Umstand, das kein Datum in der Email angegeben ist, stört mich nicht die Bohne. Ich rufe ihn an und frag ihn, woher er diese tolle Location entdeckt hat und wann es den los gehen soll. Ich freue mich einfach über die wirklich gelungene Überraschung und kann mich zurück lehnen und in Ruhe planen.

 

Mein wissendes Umfeld weiß leider nie, wie ich reagieren werde. Ich selbst auch nicht - leider. Das Monster kann mich von einer Stunde auf die andere überrollen und bringt nichts als Dunkelheit mit sich. Selbst der Abwasch wird zu einer fast unüberwindbaren Aufgabe, nach der ich erschöpft auf dem Sofa liege.

 

Durch das Buch bin ich auch auf meine Atemmeditation gekommen. Ich mache sie mehr oder weniger regelmässig, aber sehr oft.

 

Wenn ich erschöpft bin, dann bin ich inzwischen erschöpft. Ich sage das jetzt auch meinem Freund: du, heute Nachmittag habe ich wieder einmal 2 Stunden geschlafen. Ich sage es ihm deswegen, weil wir zusammen ziehen. Ich will mich dann nicht verstellen müssen, es ist wie es ist zur Zeit.

 

Das Buch hat mir dabei geholfen. Ich kann manche Sachen bei meinem Freund offen aussprechen. Ich spreche inzwischen auch aus, wenn  ich ab und zu "passive Todessehnsucht" habe. Wir überlegen gemeinsam, was mir dann gut tut. Anfangs hatte ich wirklich Angst, ihn damit von mir wegzustossen. Er aber rückt immer näher an meine Seite. Jede Schwierigkeit, jedes Hinderniss, egal ob von meiner Depressiven Seite oder von seiner Angst vor erneutem Krebs oder seinem Unternehmen - wir sind wie aus einem Guß.

 

Ja, ich bin schockiert, das sich die Autorin im letzten Jahr das Leben genommen hat. Ich weiß aber auch, sie konnte so endlich den Frieden finden, den sie sich seit ihrer Kindheit gewünscht hat. Ja, es macht mir Angst, das sie so ein tolles Buch geschrieben hat,so für die Rechte, die Aktzeptanz dieser KRANKHEIT gekämpft hat und doch verloren hat. Ich bin froh, das ich durch dieses Buch, einige stigmatisierende Vorstellung mir gegenüber selbst und der Krankheit ablegen konnte.

 

Menschen, die mir sagen:

"das wird schon wieder"

"lass den Kopf nicht hängen"

"komm, andere haben das auch schon geschafft"

"ich bin auch manchmal traurig, das ist halb so schlimm"

 

bei denen bedanke ich mich und meine es inzwischen auch ehrlich. Ich habe gelernt das diese Menschen es gar nicht anders können und wissen. Und darum bin ich froh. Den es heißt im Umkehrschluss: diese Menschen musste sich noch nie selbst aus einer schweren Depression kämpfen. Das ist doch toll, ich wünsche diese Krankheit keinem.

 

So wie man niemanden Krebs wünscht, so wünscht man niemandem die Krankheit Depression. Ich kann mich auch immer nur versuchen, in die Gedankenwelt meines Lebensgefährten hinein zu versetzten. Was er schlussendlich wirklich, wirklich fühlt, wenn er an seinen vergangenen Krebs denkt und die Angst das der wiederkommt, das werde ich nicht wirklich nachfühlen können.

 

Ich kann nur zuhören und für ihn dasein. Und das tut er auch für mich, mit seiner ganzen Kraft und seiner ganzen Liebe.

 

 

Tag 488 - 24. Februar 2017

Kurzes Update:

Endlich merke ich langsam die Wirkung der erhöhten Tablettendosis. Die plötzlichen Anfälle von Melancholie sind vorbei. Und das obwohl ich heute Morgen erfahren habe, das mein Widerspruch per eMail, anders als am Telefon versprochen, nun doch nicht rechtsgültig ist. Gestern hätte mich das noch total überfordert. Heute war es schon kein Problem mehr sondern ärgerlich.

 

Also gescannt, gefaxt und dann zur Sicherheit gleich noch per Post auf den Weg gebracht. Geht doch - das funktionieren, wenn die Tabletten wirken.

 

Jetzt muss sich nur noch der Schlaf wieder einfinden. Wache Nachts 2 - 3 Mal für längere Zeit auf und schlafe dann Vormittags vor Müdigkeit und durch die erhöhte Tablettendosis wieder ein. Das war das letzte Mal ja auch schon so. Ich denke, in spätestens 2 Wochen sollte das dann auch der Vergangenheit angehören.

 

Nach den Umzug setzte ich mich dann mal in aller Ruhe für ein Zweier-Gespräch mit meinem Freund hin und dann gucken wir mal, wo es beruflich für mich in Zukunft langehen soll. Logopädie ist schon noch ein Traum von mir, aber wenn die Rentenversicherung nicht mitspielt .... ich will halt einfach Mal Plan B besprechen. Für den Fall des Falles und das ich dann nicht gleich wieder in ein tiefes Loch falle.

 

Mit meinem Freund ist ausgemacht, sollte ich mich bis Sommer nicht ein wenig mehr stabilisieren, bleibe ich noch das komplette Jahr zu Hause und suche für 2018. Auch das werden wir durchdiskutieren, den was ich will und kann und was die Ämter wollen und dürfen - das sind ja oft zwei Paar Stiefel. Aber wir werden auch da Plan B machen, damit ich langsam eine Sicherheit bekomme.

 

Diese Sicherheit, das alles passieren kann, aber ein bestimmter Rahmen da ist, der mich fängt, das hilft mir schon sehr.

 

Und langsam sehe ich auch ein, das Heilung eben in Phasen verläuft. Es gibt gute und weniger gute Phasen. Und ich werde noch öfters in eine schlechte Phase kommen. Aber ich merke inzwischen auch, das ich mich immer schnelle aus den schlechten Phasen rausholen kann. Das sind für mich schon mal gute Nachrichten.

 

Es lebe das Leben!

 

 


Tag 486 - 22. Februar 2017

Seit 5 Tagen nehme ich die erhöhte Dosis meines Anti-Depressivas, das ich jeweils Morgens nehme. Dieses Mal habe ich keine Übelkeit, das ist schon mal gut. Leider tritt, wie es bei manchen Anti-Depressivas der Fall ist, eine leichte Erstverschlimmerung ein.

 

Bei mir zeigt sich das in der Form, das ich plötzlich von einer Sekunde auf die andere ich eine traurig-melancholische Stimmung verfalle und oft für Stunden nicht herausfinde. Dann ziehe ich mich meist zurück aufs Bett und versuche dieses Stimmungstief zu verschlafen. Was mir nicht schwer fällt, den die Tabletten machen mich nebenbei auch ziemlich müde.

 

Wenn ich mir vor Augen führe, das ich die gleiche Müdigkeit das letzte Mal auch schon hatte, dann kann ich davon ausgehen das der Müdigkeitsspuk in weiteren 2 - 3 Wochen vorbei sein sollte. Ansonsten merke ich, das ich wieder ein klein wenig entspannter werde. Sprich: ich habe nicht das Bedürfniss, alles mit meinem Freund ausdiskutieren zu müssen.

 

Neben der Erhöhung der Dosis trägt im Augenblick auch das Ausfüllen der Unterlagen für das Arbeitslosengeld einen kleinen Teil dazu bei. Nicht das ich keine Lust hätte, nein, ich kann mich schwer konzentrieren und das Ausfüllen geht mir gefühlstechnisch auf gut Deutsch gesagt am Poppes vorbei.

 

Das ist natürlich überhaupt nicht die korrekte Einstellung. Zu dem beginne ich jetzt zu zweifeln, ob Logopädie oder Ergotherapie überhaupt die richtige Ausbildung für mich wäre. Muss ja noch den Widerspruch für die Rentenversicherung formulieren. Vielleicht sollte ich da etwas entgegenkommender sein und anbieten, das sie mich quasi auch für die passende Umschulung testen können. Keine Ahnung, vielleicht lasse ich mich auch nur einfach vom Weg abbringen. Ich kann das gerade nicht einschätzen.

 

Mein Freund ist es lieber, ich würde auf alle Fälle noch dieses Jahr zu Hause bleiben. Mir wäre es liebe, ich hätte die Arbeitsagentur nicht an der Backe. Inzwischen erscheint mir sogar die Rente für 2 Jahre nicht mehr abwegig. 2 Jahre kein Amt, niemand der etwas von einem will. Aber auf der anderen Seite finde ich das auch nicht die richtige Lösung. Wer will mich noch, wenn ich dann 51 bin.

 

Ach herrje, ich glaube ich bin gerade einfach nur etwas durcheinander und ja, ich bin wohl auch überfordert.

 

Ich mache jetzt mal Schritt für Schritt. Prio 1 sind die fehlenden Unterlagen für die Arbeitsagentur. Und nächste Woche kümmere ich mich dann um den Widerspruch bei der Rentenversicherung.

 

Was wenn die Rentenversichung absagt, zusagt, was anderes sagt?!?!? Keine Ahnung, an den Schritt kann ich noch nicht denken, da kümmere ich mich darum, wenn es soweit ist.

 

 


Tag 481 - 17. Februar 2017

Beide Arztbesuche liegen hinter mir. Für ein weiteres Monat krankgeschrieben und mein Psychiater hat die Dosis verdoppelt. Außerdem meinte er zur Rentenversicherung und den 5-wöchigen Aufenthalt in der Psychsomatischen Klinik: ABLEHNEN! Und in Widerspruch gehen. Sie haben eine Umschulung beantragt und etwas ganz anderes wollen die ihnen geben. Er war etwas sauer auf die DRV.

 

Ich hoffe, ich habe nicht zu sehr erschreckt, die letzten beiden Tage. Und es war auch wirr und abstrakt geschrieben. Das ist der Zustand, den meine zweite Persönlichkeit dann durch lässt.

 

Wie sieht so eine akukte Phase überhaupt aus. Hier ein paar Beispiele, die in solchen Phasen leider nicht die Ausnahme sind, sondern die Regel und das Stunde für Stunde.

 

  • Ich bereite alles für meinen Wocheneinkauf vor, merke das ich Milch brauche und gleichzeitig fällt mir noch Majoran ein. Ich schreibe Majoran auf meinen Einkaufszettel und das ich Sekunden vorher an Milch gedacht habe, das habe ich längstens vergessen.
  • Oder gestern, ich fahre einkaufen und merke am Parkplatz: scheiße der Geldbeute liegt zu Hause auf dem Küchentisch.
  • ich vergesse trotz Einfkaufszettel, Sachen zu kaufen, die drauf stehen. Das Spülmittel hat mich zwei Anläufe gekostet.
  • Ich telefoniere und sage: das erledige ich sofort. Lege auf und nicht das ich vergessen hätte was ich erledigen wollte. Nein, ich weiß nicht mal mehr, das ich überhaupt etwas erledigen wollte

Ich schreibe mir also alles auf, nach dem mich z.B. mein Freund darauf aufmerksam macht, das ich gerade wieder so eine akute Konzentrationsphase habe. Mir selbst fällt mein Vergessen oft erst Tage später auf.

 

Ich wache Nachts auf um auf die Toilette zu gehen. Normalfall: ich krieche zurück ins Bett und bin 2 Minuten später wieder im Tiefschlaf.

Akute Phase: ich krieche ins Bett, will schlafen und plötzlich ziehen ganz schnell wirre Gedanken durch meinen Kopf, die ich aber auch nicht halten kann. Einfach nur wahllose Gedanken, nicht zu Ende gedacht. Das kann bis zu zwei Stunden dauern, bis ich endlich wieder schlafe.

 

Oder, mich überfordern einfachste Situationen. Komme nach Hause vom Arzt und muss eigentlich nur die Krankmeldung an die KK schicken. Das erfordert soviel Überwindung und Kraft. Nach dem ich die Krankmeldung eingeworfen habe, falle ich meist vor Erschöpfung in den Tiefschlaf. Nicht weil ich körperlich erschöpft bin, sondern weil sämtliche Nerven angespannt waren.

 

Es gibt Tage, da starre ich über Stunden Luftlöcher an die Decke. Merke nicht, das meine Katzen neben mir sind oder das Telefon klingelt.

 

Ich will ein Buch lesen und merke nach der halben Seite, das ich nicht weiß was ich gerade gelesen habe. Die Sätze ergeben dann auf einmal keinen Sinn mehr für mich. Auch seichte Frauenromane kann ich in den akuten Phasen vergessen.

 

Ein schönes, unterhaltsames Abendessen oder das Wochenende mit meinem Schatz wird dann zu einem Pflichttermin, der mich unheimlich stresst. Obwohl wir nur schöne Sachen machen und nichts von mir gefordert wird.

 

Ich reagiere auf Anrufe aggressiv, wenn sie scheinbar nicht in meinen Tagesablauf passen. Ich gehe ich Abwehrhaltung, obwohl es nicht zu abwehren gibt.

 

Bestes Beispiel: wir planen ein Abendessen mit einem bestimmten gemischten Salat. Nun hat mein Schatz in der Eile eine Zutat für den Salat vergessen. Das weitet sich in meinem inneren zu einem Drama aus. Ich kann wütend werden und beobachte mich entsetzt von außen, kann aber mein Inneres überhaupt nicht steuern. Ich muss mir zuhören, wie ich anfange mich darüber sinnlos aufzuregen. Es ist mir ein Rätsel, warum ich als erwachsener Mensch dann nicht einfach steuern kann, es gut sein zu lassen.

 

Und auf der anderen Seite kommen keine Emotionen mehr heran. Die Rentenversicherung hat mich wütend gemacht und mich mit der Psychosomatischen Klinik verzweifeln lassen. Inzwischen habe ich mich meine Depression so weit von diesen Gefühlen abgekapselt, das selbst wenn mir ein Leben unter der Brücke drohen würde, ich trotzdem nicht hingehe. Es ist mir egal, ich komme da nicht an mich ran.

 

Ich laufe auf "Automatic", "Kein Anschluss unter dieser Nummer"

Mein Betriebssystem (Hirn) hat sich aufgehängt und braucht einen Neustart oder ein Update. Je nach dem, das kann dauern.

 

 


Tag 480 - 16. Februar 2017

Die Verzweiflung lässt etwas nach, die Gedankenkreisel werden ein klein wenig langsamer. Ich bin noch weit weg vom normalen Funktionieren, aber schon wieder besser als nach der Schocknachricht. Soviel dazu.

 

Bei mir wurde eine schwere Depression diagnostizier. Was heißt das. Ich habe über mehr als zwei Wochen alle 3 Hauptsymptome und 4 weitere Nebensymptome.

Als Hauptsymptome einer Depression gelten nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10:

  • Depressive Stimmung (keine Trauer!);
  • Interessenverlust, Freudlosigkeit;
  • Antriebsmangel, erhöhte Ermüdbarkeit.

 

Häufige Zusatzsymptome sind nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10:

  • Störungen der Konzentration, der Aufmerksamkeit und des Denkvermögens;
  • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen;
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit;
  • negative und pessimistische Zukunftsvorstellungen;
  • Selbsttötungsgedanken oder -handlungen;
  • Schlafstörungen;
  • verminderter Appetit.

 

Bei mir treffen bei den Zusatzsymptomen zu:

 

  • Störungen der Konzentration, der Aufmerksamkeit und des Denkvermögens;
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit;
  • negative und pessimistische Zukunftsvorstellungen;
  • Schlafstörungen;

Und an den schlimmen Tagen ehrlicherweise auch:

  • der Gedanken Nachts einschlafen zu dürfen und am nächsten Tag nicht mehr aufwachen zu müssen. KEINE GEDANKEN AN SELBSTMORD! Das ist mir wichtig zu sagen.

 

Anfangs habe ich mir sehr für meinen letzten Gedanken geschämt. Inzwischen weiß ich, das fast alle schwer depressiven Menschen irgendwann an den Punkt kommen, wo sie die gleichen Gedanken haben, wie ich sie habe. Man will sicht nicht umbringen, aber das vermeintlich normale Leben verlangt einem soviel ab, das man einfach nicht mehr aufwachen möchte. Man möchte Erlöst sein, von diesen dunklen Gedanken und den dunklen Ort, an dem man sich immer und immer wieder befindet.

 

Bei mir ist es so: ich bin nun seit über eineinhalb Jahren in einer schweren depressiven Phase. Sie wechselt sich laufend ab mit einer etwas leichteren Phase und einer tiefschweren Phase. Ich kann Lachen, Scherze machen, normal Leben - auch in der tiefschwarzen Phase. ABER  NUR in Gegenwart andere. Da verstelle ich mich, und bin danach so erschöpft, das ich tagelang Schlaf nachhole.

 

In der leichteren Phase bin ich ziemlich easy zu handeln und man könnte meinen, es ist überhaupt nichts. Und das meine ich dann halt auch immer und will wieder loslegen. Den, wer ist nicht gerne gesund? Und in genau diesen Phasen habe ich den starken Drang, mein Leben endlich wieder in den Griff zu bekommen.

 

"Es hat keinen Sinn, einem depressiven Menschen zu raten, abzuschalten und für ein paar Tage zu verreisen, denn eine fremde Umgebung verstört den Patienten meist zusätzlich."

 

Genau das ist bei mir der Fall und darum weigere ich mich unter anderem, in eine Klinik zu gehen. Mich stressen schon Urlaub, wo ich länger als nur ein paar Tage von zu Hause fort bin. Obwohl ein Urlaub ja ein toller Grund ist, um mal aus den eigenen vier Wänden heraus zu kommen. Und jetzt das Ganze als Pflichttermin über mind. 5 Wochen.

 

"Raten Sie dem Depressiven auch nicht, "sich zusammenzunehmen" - ein depressiver Mensch kann diese Forderung nicht erfüllen, denn eine Depression hat nichts mit mangelnder Willensstärke zu tun. Dieser Ratschlag verstärkt möglicherweise sogar seine Schuldgefühle."

 

So geht es mir immer, wenn man mir erzählt: ich bin auch manchmal traurig ... jetzt komm schon, das sind Anpassungsschwierigkeiten. Das lässt mich hilflos zurück und ich denke mir: was um Himmels Willen ist falsch mit mir. Stell dich nicht so an .... und schon geht die Spirale weiter abwärts. Die Chemie in meinem Hirm schiesst dann im wahrsten Sinne des Wortes quer!

 

 

"Gleiches gilt für ständige Versuche der Aufmunterung. Dagegen sollten Sie Ihren Angehörigen immer dann unterstützen, wenn er Eigeninitiative zeigt."

 

Und hier bin ich einfach nur demütig und froh um meinen Lebenspartner. Er macht diesen Part intuitiv richtig. Wenn er mich pushed, dann im richtigen Maß mit den richtigen Worten. So fühle ich mich nie von ihm unter Druck gesetzt. Und wenn ich eine Aktion vorschlage, die wirklich von mir heraus kommt, dann ist er sofort dabei. So ein Mensch an deiner Seite, während dieser Phase .... mein Mann ist nicht mit Gold und allem Geld dieser Welt aufzuwiegen!!!

 

 


Tag 478 - 14. Februar 2017

5 Wochen möchte die Rentenversicherung mich in eine Psychosomatische Klinik nach Bad Lobenstein schicken. Wenn es einen depressiven Menschen gut tut, ist das eine ganz tolle Sache. Ohne Zweifel.

 

Und ich VERZWEIFEL gerade daran! Soviel dazu.

 

Ich werde die Unterlagen also mit einpacken und zu meinem Psychiater mitnehmen und mich beratschlagen. Und dann reiche ich einen Widerspruch ein. Den ich finde es schon sehr dreist, das in dem Anschreiben steht, das die auf mich eingehen und meinen Antrag gerne bewilligen. Hätte ich einen Klinikaufenthalt beantragt, jo das wäre voll in Ordnung. Aber so habe ich eine Umschulung beantragt und sie haben es komplett ignoriert und so getan als hätte ich etwas anderes gewollt.

 

Und so habe ich heute Nacht auch nur sehr schlecht geschlafen und viel wirres Zeug geträumt und mal eben die komplette Welt in meinem Traum untergehen lassen. Auch eine Möglichkeit, Dinge im Traum zu verarbeiten. Lassen wir halt die Welt untergehen.

 

Also einen Schritt zurück, erneut Anlauf nehmen und dann gehts weiter. Umschulung 2017 kann ich wohl aber erst einmal abhaken. Den ich stelle mich schon mal auf längere Verhandlungen mit der Rentenversicherung ein.

 

Wie sich das bei mir auswirkt? Ich brauche mindesten 8 - 9 Stunden Schlaf in der Nacht, nach dem ich am Vormittag den Haushalt erledigt habe und im Internet war, zieht es mir den Stecker raus und ich bin von einer Minute auf die andere so müde, das ich mich für 1 - 2 Stunden hinlege und wirklich in den Tiefschlaf falle. Wenn ich dann Nachmittags mit meinem Schatz kurz auf die Baustelle gucke, kann ich mich anschliessend gleich wieder hinlegen.

 

Ich bin wieder dabei, mir jeden Termin und jede Aufgabe in den Terminkalender einzutragen. Selbst wenn ich nur einen Telefonanruf machen soll, passiert es mir nun wieder, das das nach wenigen Minuten aus dem Kopf ist. Einmal, zweimal, das wäre ok. Aber der chemische Prozess im Hirn ist wieder durcheinander und ich vergesse nun seit einiger Zeit wieder andauernd solche Dinge. Ich habe die Gedächtnisspanne einer Stubenfliege um es mal platt zu formulieren.

 

Ich bin angespannt, sauer und agressiv auf mich selbst, weil ich einfach keinen Schritt weiter zu kommen scheine. Aber all das Hadern mit mir selbst bringt mich nicht weiter, ich sollte mich auf die Gegenwart und Zukunft konzentrieren.

 

 


Tag 477 - 14. Februar 2017

Krisentermin bei meinem Psychiater diesen Freitag um 11:00 Uhr.

Fühle mich in die Ecke gedrängt, wie ein verwundetes Tier.

Gedankenkreise so schnell, mich erreichen nur noch Gedankenfetzen.

Konzentration - was ist das?

 

Habe eben noch einmal bei der Rentenversicherung angrufen, weil immer noch kein Brief da ist. Von wegen Sonnenschein! Für mich bricht gerade finstere Nacht herein. Die RV möchte, das ich in eine Klinik gehe.

 

Fremde Menschen, die mich nie gesehen haben, wollen wissen, was mir gerade gut tut.

 

Ich kenne das Leben in der Klinik, ich habe es schon hinter mir. Ich kann das kein zweites Mal mehr und auch nicht mit der Aussicht auf Umschulung. Eher gehe ich wieder unverdrossen in den alten Beruf zurück, Putze irgendwo für 8 Euro die Stunde oder .....? Hauptsache keine Klinik!

 

Die Klinikerfahrung war für mich eine mit der entwürdigensten Erfahrungen in meinem Leben. Ich wurde gerügt, wenn ich zu müde von den Anti-Depressiva nicht zum Samstäglichen Wassersport ging. Man wollte auf Grund meines Überwichtes meine Kalorienzahl bestimmen. Um 22.00 Uhr kam die Schwester und knippste den TV aus. Mein Zimmer wurde regelmässig kontrolliert und sich über meine Light-Getränke lustig gemacht. Der Balkon wurde zugesperrt und ich musste bei Hitze mit dem gekippten Fenster ausharren. Ich musste mich in eine Schlange stellen, jeden einzelnen Abend und mir wurden meine eigenen Tabletten von zu Hause ausgeteilt. Ich wurde dabei beobachtet, das ich sie auch wirklich schlucke, das wurde danach jeweil kontrolliert. Alles in allem nahm mir persönlich das den Rest meiner Menschenwürde, der damals unter dem Häuflein Elend noch zu finden war.

 

Ich wurde zu Gruppentherapien gezwungen und musste mir den Mist aller anderen mit aufladen. Nein, es hat mir nicht geholfen zu sehen das ich nicht alleine bin. Mich haben die Probleme der anderen zusätzlich belastet. Die Bitte um 1 einzige Einzelgespräch mehr pro Woche wurde abgelehnt.

 

Auch wenn andere Kliniken das evlt. anders machen, ich will das nicht mehr. Seit vier Jahren lebe ich aus dem Koffer und pendel jedes Wochenende zwischen mir und meinem Lebenspartner. Jetzt wo wir endlich zusammen ziehen, soll ich sofort für einige Wochen herausgerissen werden.

 

Ehrlich! Eher fahre ich gegen einen Baum. ABER das tue ich mir nie, nie wieder in meinem Leben ein weiteres Mal an. ALLES, nur keine Klinik mehr. Sie hilft mir nicht,sie hinterlässt mich in einem tieferen Chaos, wie vorher.

 

Ich weiß, vielen Menschen hilft ein Klinikaufenthalt. Aber nicht jedem ist damit geholfen. Bei manchen Menschen bewirkt ein Klinikaufenthalt das Gegenteil. Mein Psychiater meinte schon, das ich dazugehöre. Daher jetzt der Krisengipfel mit meinem Psychiater und die Bitte um eine Anpassung der Medikamenten-Dosis.

 

Seit einiger Zeit bemerke ich nämlich nun schleichend, wie die Wirkung geringer wird.

 

Ein einziger Anruf und ich bin wieder im tiefsten Tal, wohin ich nicht mehr wollte. Ich hasse das. Ich hasse es, wenn fremde Menschen über mein Seelenheil bestimmen wollen, weil sie denken, sie wüßten es besser.

 

NACHTRAG:

Mein Freund hat mich versucht zu beruhigen. Ich bin zutiefst verzweifelt, obwohl ich den Brief der RV noch gar nicht in den Händen halte. Alleine die Ansage, das sie schon eine Klinik für mich ausgesucht haben (obwohl es ja das Wahlrecht für Krankenhäuser und Kliniken gibt!!) macht mich fertig. Ich kann und werde das nicht mehr machen. Es muss andere Wege geben. Ich will nicht mehr so desolat aus einer Klinik zurück kommen, wie ich das schon einmal bin. Ich will raus aus diesem Tal und nicht mit sehenden Augen dorthin zurück gezwungen werden.

 

Dies alles werde ich am Freitag mit meinem Psychiater besprechen. Bis dahin versuche ich mich durch Atmenmeditation (die ich ja nun schon seit einiger Zeit mache) etwas in den Griff zu bekommen.

 


Tag 473 - 10. Februar 2017

Stimmung immer noch gedrückt und ich weiß oder will nicht wissen warum - keine Ahnung. Habe heute ein längeres Gespräch mit meinem Freund gehabt. Habe ihn ja gebeten, mit zu dem Infoabend "Logopädie-Ausbildung" zu kommen, weil er mich sehr gut kennt und einschätzen kann.

 

Er findet den Beruf an sich für mich passend und kann sich das sehr gut vorstellen. Was er sich nicht vorstellen kann: das ich im Oktober so weit bin, die Ausbildung zu wuppen. Sie ist in seinen Augen, sehr anspruchsvoll und er weiß nicht, ob ich das schon 3 Jahre durchhalte.

 

Hm, im ersten Moment war ich etwas sauer, genervt und auch enttäuscht. Ganz klar, ich habe sehr großen Respekt davor, in meinem Alter noch einmal die Energie für etwas ganz Neues aufzubringen. Aber ich für mich sehe das eher dem "intensiveren darüber Nachdenken" und dem "Abwägen von Vor- und Nachteilen" geschuldet.

 

Im Oktober 2017 werden es nun mehr 2 Jahre, das ich zu Hause bin. Ich habe Angst um meine Zukunft. Die Chancen stehen jetzt wahrscheinlich sehr gut für mich. Noch länger zu Pausieren, würde es mir noch schwerer machen, wieder einen Weg zurück in die Arbeitswelt zu finden. Einen Aushilfsjob kann ich mir für die Zukunft finanziell nicht leisten und ein Zurück gibt es leider auch nicht.

 

Für eine gesicherte Zukunft im Alter brauche ich jetzt einen qualifizierten Job. Außer ich freue mich jetzt schon darauf, ein Sozialfall zu werden. Ich bin für die Zukunft nicht abgesichert. Stirbt mein Freund vor mir, muss ich entweder Miete für das Haus zahlen, was ich mir dann nicht leisten kann. Oder ich muss im Alter noch einmal meine neue Heimat verlassen und wieder einmal von vorne anfangen. Das stelle ich mir ganz schwer vor. Das Haus in dem ich mitwohnen werde, davon gehört mir keine einzige Latte. Das hat alles mein Freund bezahlt, wovon sollte ich auch mitzahlen. Er hat Kinder, die das Haus erben werden.

 

Urlaub heißt für meinen Freund wegfahren. Für mich heißt es: er zahlt, weil ich es mir nicht leisten kann. Ergo: ich fahre da hin, wo er hin will. Oh doch, er frägt mich grundsätzlich wo ich hin will, aber da ich weiß was ihm gefällt, wähle ich seine Orte. Ich liebe Wandern, aber Urlaub ist für mich blaues, warmes Wasser, viel Kultur, ein paar Palmen und meine Schnorchelausrüstung ink. Tolino. Das ist aber teuerer Urlaub, und das kann und will ich mir von ihm nicht wünsche, so lange ich nicht meinen Anteil leisten kann.

 

Mein Freund würde mich gerne noch zu Hause behalten, weil er meint, das ich noch nicht gesund bin. Er sieht es daran, das wenn ich mal bei ihm für ein paar Stunden arbeite, meine Fehlerquote noch sehr hoch ist (das war früher anders). Er sieht es an meinem unkonzentrierten Fahrstil, an meiner Vergesslichkeit der kleinen Aufgaben, die ich immer freiwillig übernehme und dann doch nicht mache.

 

Und ich bin einfach nur wütend und traurig auf mich selbst, das ich anscheinend nur kleine Fortschritte mache und mich aber immer schon als "fast geheilt" ansehe.

 

Er denkt, ich kann erst dann wieder "heil" werden, wenn wir zusammen wohnen und mir damit eine große finanzielle Last von den Schultern genommen wird. Ich sage: die wird nicht kleiner, den ich kann nichts zu unserer Beider Leben beitragen. Ich sage: ich werde erst "heil", wenn ich endlich wieder etwas zum Leben beitragen kann.

 

Nun gut, er will am Montag Vormittag mit zu meiner Verhaltenstherapeutin und er hat darum gebeten, das ich mal zuhören soll und er redet mit ihr und erklärt ihr seine Sicht der Dinge. Und wie er mich im Augenblick wahrnimmt. Er hat Angst, wenn ich zu früh anfange, das ich wieder einen großen Rückfall habe.

 

Ich hingegen habe Angst, wenn ich nicht endlich Anfange, das mir das Leben irgendwann keine neue Chance gibt.

 

 


Tag 472 - 09. Februar 2017

Vor einigen Tagen hatte ich ja telefonisch erfahren, das ich auf alle Fälle eine Förderung von der Rentenversicherung bekomme. Welche Art der Förderung, das weiß ich erst, wenn der Brief vor mir liegt. Ich hatte um eine Umschulung in den Bereichen Logogpädie oder Ergotherapie vorgeschlagen.

 

Nun, voll aufgeregt, das da nun etwas kommt, habe ich sofort in der Privatschule angerufen und gestern spontan am Infoabend teilgenommen. Begeisterung pur für mich, den so wie die schulische Ausbildung abläuft, war soll ich sagen. Ein Traum! Am liebsten hätte ich noch gestern Abend meine Unterlagen dafür abgegeben, obwohl ich nicht weiß ob ich die gewünschte Förderung von der DRV bekommen.

 

Heute Nacht habe ich dann sage und schreibe 10 Stunden durchgeschlafen. Die Aufregung, der Termin, die positive Nachricht in welcher Form auch immer, mein Akku ist selbst nach so positiven Dingen leer. Und schon beginne ich zu Zweifeln, ob ich das wohl schaffe.

 

Ich wollte mich heute daran setzten und meine Bewerbung fertig machen. Das wäre nicht gut. Ich bin müde, ungekonzentriert und komme trotz der Menge an Schlaf nicht in die Pötte. Die Stimmung ist gedrückt und alles wird mir mal wieder zuviel. Ich hasse solche Momente, ich selbst finde mich in solchen Momenten einfach nur wehleidig und kann das von Außen beobachten - aber nicht dagegen ansteuern.

 

Mein Plan: Alles bin Montag aufschieben, versuchen nicht daran zu denken und mir keinen Druck zu machen. Ich denke, Montag sieht meine Gefühlswelt dann schon wieder anders aus.

 

 


Tag 468 - 05. Februar 2017

Wenn man mich sieht, mit mir spricht, Urlaube mit mir verbringt .... man wird nicht merken, das ich seelisch nicht gesund bin.

 

Ich konnte mich schon immer gut verkaufen und lustig, gesprächig, freudig sein, auch wenn es in mir drin ganz anders aussah. Und so gibt es, wie bei wohl allen Menschen verschiedene Ich´s in mir drin. Je nach Bedarf wird das ein oder andere ICH hervorgezogen.

 

Es gibt das fröhliche, gesunde ICH, das auch mal schlechte Tage hat. Bis auf ganz wenige Ausnahmen in meiner direkten Familie (2 Personen) und sehr, sehr wenigen Ausnahmen in meinem Freundeskreis, kenn der Rest nur dieses ICH. Meine Eltern, Teile meiner Geschwister, Nichten, Neffen und all den anderen Angehörigen. Freunden, Bekannten und Kollegen........

 

Für die bin ich selbst an ganz schlimmen Tagen meist gut drauf oder höchstens Mal schlechter gelaunt. Es ist, wie wenn ein Schalter sich in mir umknipst, sobald ich die Bühne der Öffentlichkeit betrete. Fragt man mich, dann geht es mir in der Regel gut oder ich bin halt gerade ein wenig gestresst. Mehr würde aber nich über meine Lippen kommen. In der Öffentlichkeit kann ich auch an den schwärzesten Tagen die Menschen um mich herum unterhalten und zum Lachen bringen. Ich halte die Fassade aufrecht.

 

Der Preis dafür? Ich bin nach solchen Stunden, die mich sehr anstrengen oft tagelang erschöpft und manchmal stürze ich danach noch tiefer. Noch tiefer würde ich aber stürzen, müsste ich meinen Zustand für JEDEN öffenltich machen.

 

Dann gibt es das ICH, das mehr Preis gibt, aber nicht alles. Dazu gehören zum Beispiel zwei meiner Brüder und abgeschwächt noch einige Freunde. Die erfahren aber wirklich nur abgeschwächt die Dinge. Ich habe halt Depressionen, aber fragen die mich, wie es mir gerade geht, bekommen auch sie ein: och, im Moment ganz gut. Selbst wenn es gerade übehaupt nicht rosig um mich steht. Höchstens Mal, das mir ein: ach, im Moment ein wenig Kraftlos, du weiß schon .... wird aber sicherlich besser die nächsten Tage.

 

Dann gibt es das ICH das mein Partner von mir kennt. Der weiß natürlich viel, viel mehr. Aber auch oft nur im Nachhinein. In der Augenblicklichen Situation möchte ich ihn nicht damit belasten, zumal ich dann oft auch genug mit mir selbst zu tun habe.  Selbst meine Verhaltenstherapeutin weiß noch ein klein wenig mehr, den sie belasten meine Schübe überhaupt nicht. Für sie bin ich Patientin und nicht Partnerin.

 

Meinem Freund vor einigen Wochen zu gestehen, das es nach meinem Arbeitsversuch und dem Scheitern nach schon einer Woche, so schlecht ging .... das ist mir richtig schwer gefallen. Vor allem, als ich danach seine Blicke gesehen habe. Die Zeit, nach meinem gescheiterten Arbeitsversuch war die schlimmste Zeit für mich.

 

Ich habe mir beim Schlafen gehen oft gewünscht, ich würde am nächsten Tag einfach nicht mehr aufwachen müssen. Die Tage waren quallvoll und nur von dunklen Gedanken getragen. Ich war so müde. so dermaße müde vom schlichten am Leben bleiben müssen jeden Tag. Das konnte ich mir vorher nicht vorstellen. Der depressive Tiefpunkt in meinem Leben, wo ich zu nichts mehr Kraft hatte, außer zum Augen schliessen wollen und nicht mehr aufwachen müssen.

 

Die Zeit in der ich dann zum Glück einen Termin bei meinem neuen Psychiater hatte. Sein Medikament hat mich zurück in die Spur gebracht. Wenn ich manchmal höre, ich solle mit den Medikamenten aufhören, dann weiß ich die Sorge zu schätzen. Würde aber nicht auf den Rat hören. Ich habe es über ein Jahr mit hochdosiertem Johanniskraut in Schach gehalten. Habe meine Depression mit Johannsikraut und wöchentlicher Verhaltenstherapie in Zaum gehalten. Und irgendwann ging es nicht mehr. Die Wirkung des Johanniskrauts konnte meine Unruhe, meine Zerissenheit nicht mehr überdecken. Die Verhaltenstherapie konnte dann auch nicht mehr zu mir durchdringen.

 

Und dann gibt es mein ICH. Ich nenne es meine ICH, weil nur ich es kenne. Ich schreibe viel, soviel wie ich meinem Freund und meiner Verhaltenstherpeutin anvertraue. Mein ICH, das kenne nur ICH. Die innersten Gedanken, die mich manchmal bewegen, die möchte ich niemanden im Außen antun. Sie wären teilweise erschreckend und ich hätte Befürchtung, andere damit auch herunter zu ziehen.

 

Zumal ich selbst das glückliche und zufriedene ICH auch am liebsten mag. Ich bin nun mal gerne ein positiver Mensch. Das war ich in der Vergangenheit immer. Ich kannte nur immer kurze Phasen der Trauer oder Traurigkeit. Meine Fröhlichkeit, meine Optimismus hatten immer die Oberhand. Heute würde ich mich freuen, wenn sich Optimismus und Depression die Waage halten.

 

 


Tag 465 - 02. Februar 2017

Die Stimmung so trübe wie das Wetter draußen. Heute auch mal wieder bis in die Puppen geschlafen, bin erst kurz nach 9:00 Uhr aufgewacht. Dabei mache ich schon extra die Jalousien nicht mehr komplett runter.

 

Ich freue mich zwar auf den Kurztrip, aber erst einmal macht mich das im Vorfeld immer wahnsinnig zappelig. Habe gestern alle Kuscheldecken und die ersten kleinen Bodenvorleger gewaschen. Meine Katzen werden zwar von der Vermieterin gut versorgt. Aber es fehlen die täglichen Stosslüftungen in meiner Wohnung. Letztes Jahr nach einem Krankenhausaufenthalt hat es so in meiner Wohnung gestunken, das ich am liebsten wieder den Rückwärtsgang angetreten hätte. So mussten meine Katzen tagelang in der Wohnung ausharren, bei dem Gestank.

 

Daher bin ich gestern noch losgetigert und habe ganz unüblich für mich gleich 4! so Aufsteller mit Raumduft gekauft und strategisch verteilt.

 

Meine Unruhe vor der Abreise beruht also einzig und alleine darauf, das meine Katzen und die Wohnung nicht den gewohnten Service an Aufräumen und Lüften bekommen. Wie bescheuert von mir!

 

Morgen Vormittag habe ich dann noch einen Termin bei meinem Psychiater. Den hätte ich fast vergessen. Der Vormittag war anders eingeplant für mich und das verursacht gerade große Unruhe für mich.

 

(30 Minuten später)

 

Echt jetzt, ich hab jetzt erst mal vor lauter Hin und Her, das mein Vormittag morgen nicht so abläuft wie ich mir das Vorgestellt habe, keinen klaren Gedanken fassen können.

So ein Spontantermin (Urlaub) der mit anderen Termin zusammenfällt, kann mich kurzzeitig aus der Bahn werfen. Schrecklich Einstellung - meine derzeitige Einstellung.

 

Es hat etwas gedauert bis ich darauf gekommen bin, nachzufragen ob wir den Termin nicht einfach verschieben können. Die einfachsten Lösungen bleiben mir erst einmal versperrt, vor lauter Unruhe. Kaum vorstellbar das ich vor einigen Jahren noch knapp 100 Kleinprojekte zeitgleich jongliert habe und Kunden auf dem Laufenden gehalten habe. Jetzt bringen mich 2 Termine aus der Bahn.

 

Gut, Termin telefonisch verschoben und ich kann dann im März kommen. Erleichterung setzt gerade ein.

Für heute sind noch einige Waschmaschinenladungen angesagt. Morgen Vormittag will ich auf den letzten Drücker die drei Katzenklos schrubben und mit neuer Streu bestücken und auch sonst noch mal gründlich putzen, bevor ich das Wochenende weg bin.

 

Und meine Unruhe ist damit auch wieder weg und ich kann klare Gedanken fassen - unfassbar!

 

 


Tag 463 - 31. Januar 2017

463 Tage, ich kann es selbst kaum glauben. Diese Zahl kommt mir so groß, so weit, so lange vor. Nie hätte ich gedacht, so lange Zeit an etwas knabbern zu müssen.

 

Und bald tut sich das nächste Kapitel in diesem Buch für mich auf. Ich war heute Vormittag bei der Arbeitsagentur und habe mich gemeldet. Am 13. März 2017 läuft das Krankengeld aus. Auf der einen Seite bin ich dankbar, das ich in so einem humanen Staat lebe, auf der anderen Seite wäre ich als Single nun aufgeschmissen. Ab 14. März bin ich Arbeitslos gemeldet, jedoch ohne das man mich für den Augenblick zur Vermittlung freigeben wird. Nicht meine Idee, sondern die Anweisung der Sachbearbeiterin vor Ort.

 

Man wartet jetzt die Reaktion der Rentenversicherung ab und ob eine Umschulung in Frage kommt. Die Rentenversicherung ist der Arbeitsagentur in der Hirachie höher gestellt.

 

Das beginnt mich auch mit den Anti-Depressiva zu belasten. Was, wenn ich die Umschulung nicht bekomme? Psychiater und Psychologin geben mir schriftlich, das kein Weg mehr zurück ins 8-Std. Büro für mich führt. Aber, was wenn mich die Rentenversicherung gar für 2 Jahre in die vorläufige Rente schicken will? Danach hätte ich noch geringere Chancen auf einen Wiedereinstieg in einem neuen Beruf?

 

Was? Was? Was?

 

Ich muss diese Gedanken jetzt wieder los werden und mich auf mein Schritt-für-Schritt Konzept besinnen. Mein Lebensgefährte dreht beruflich-privat selbst gerade am Rad. Er hatte seit über einem Jahr keinen Urlaub mehr. Unter Urlaub versteht er 1 Woche am Stück von zu Hause weg. Seit über einem Jahr! Er geht auf dem Zahnfleisch und wir können erst nach Umzug und Eingewöhnung eine Woche fortfahren.

 

Seine Tochter will keine Woche alleine in dem großen Haus sein. Verständlich, vorher war die Oma noch da. Zu ihrer Mama kann sie nicht, weil die 70 Kilometer weiter weg wohnt. Das geht sich mit der Schule nicht aus. Die Mama kann nicht zu ihr, weil die selbst erst operiert wurde.

 

Leider muss mein Schatz durchhalten und wir schieben jetzt 1 - 2 Wochenenden ein, wo wir Wellness machen werden. Dann geht es im Mai für 1 komplette Woche in die Sonne zum wandern.

 

Ich wünschte, ich könnte meinen Freund irgendwie unterstützen. In der Arbeit geht das nur mit Handlangerarbeiten. Zu Hause mache ich soviel ich kann, in einem fremden Haushalt. Ich würde ihn für mein Leben gerne ein Wochenende schenken, nur von was.

 

Ich möchte einfach auch mal mehr für ihn tun können. Schon alleine deswegen will ich einen Neustart im beruflichen Leben machen dürfen.

 

 


Tag 458 - 26. Januar 2017

Gestern Nachmittag kam es dann plötzlich, dieses Loch. Und wieder sind sie da, die Gedankenkreise, die sich im Hirn nicht stoppen lassen, trotz Anti-Depressiva. Schlaf  heute Nacht - unterbrochen von mehreren Wachphasen mit Gedankenkreisen.

 

Sie kreiseln um meinen Partner, um meine ungewisse Zukunft, um mein finanzielles Auskommen. Habe dann die Atmenmeditation versucht. Greift leider nocht nicht, wenn ich eine akute Phase habe, muss wohl noch viel mehr üben und sie verinnerlichen.

 

Dazu werden wir zu Zweit einen Meditations-Kurs und einen Kurs im Autogenen Training belegen. Mein Freund, um Entspannungstechniken gegen des Stress zu lernen und ich, damit ich meine Depressionen im Griff habe.

 

Ich selbst bin seit gestern Nachmittag sehr unruhig und weiß nicht warum. Die Gedankenkreise kommen und gehen und kein Gedanke lässt sich irgendwie zu Ende denken. Es ist, wie eine große sprechende Menschenansammlung in meinem Hirn und alles redet einfach nur durcheinander. In meinem Bewusstsein kommen irgendwie immer nur Gesprächsfetzen an.

 

Mich zu konzentrieren fällt schwer. Wollte mich gestern Abend mit TV ablenken. Hätte ich nicht geschaut, wäre es das gleiche gewesen. Ich habe die Konzentrationsspanne einer Fliege. Lesen im Bett um zur Ruhe zu kommen - Fehlanzeige. Nach ein paar Sätzen ist Schluss und ich bin nicht mehr beim Lesen. Mich länger als nur ein paar Atmenzüge bewußt auf meine Atmung zu konzentrieren, noch nicht möglich in solchen Phasen.

 

Bin antriebslos und unglaublich müde. Werde mich jetzt zwingen und den Haushalt machen. Vielleicht gibt das meinem Kreislauf einen Aufschwung.

 

 


Tag 456 - 24. Januar 2017

Ja, ich meditiere noch und halte daran fest. Ich merke immer mehr, das das Meditieren auf alle Fälle eine meiner kleinen Ruheinseln wird.

 

Außerhalb meiner Meditation bin ich momentan sehr angespannt, durch den Krankenhausaufenthalt meines Partner.

 

Der zusätzliche Part: Kümmern um die Leihtochter, kümmern um weiteren Kater, Übernahme der Organisation des Hausbaus und das Organisieren und übernehmen von den Privatterminen meines Partner .... ich bin dadurch bei einem 8-Std. Tag angekommen. Und hier merke ich immer wieder deutlich meine Grenze. Keine Ahnung, aber meine Energieakkus leeren sich immer noch schnell.

 

Meine Verhaltenstherapeutin hat mir aufgezeigt, das ich jetzt seit 10 Jahren einen Job mache, der mich stresst und gegen meine Natur ging (warum ich das nun wieder nicht bemerkt habe, ist mir auch ein Rätsel). Nun kann ich nicht erwarten, das ich nach 1 - 2 Jahren wieder so funktioniere wie vorher.

 

Meine Medikamente lassen zumindest keine Stimmungsschwankungen durch, dafür bin ich dankbar. Jetzt ist einfach nur körperlicher Stress und Erschöpfung. Selbst die Ankündigung, das das Krankengeld ab März ausläuft, hat mich nur kurzzeitig in ein Tief rutschen lassen. Das Leben geht weiter und das mit dem weniger Geld, das krieg ich auch auf die Reihe.

 

Nach Regen folgt Sonnenschein. Und der Sonnenschein blitzt ja schon immer wieder bei mir durch.  Und so lerne ich nach und nach, das ich einfach kleine Schritte gehen muss. Ob mir das nun passt oder nicht.  Mit den kleinen Schritten dauert es zwar länger, aber immerhin komme ich dann auch mal wieder ans Ziel.

 

Mit den großen Schritten zurück ins "normale Leben" hauts mich immer wieder aus den Latschen und ich fange von vorne an.

 

Fazit: selbst jetzt lerne ich noch war, während ich das schreibe. Und ich hoffe, mein Schädel kriegt das rein, das kleine Schritte keine Schande sind.

 

 


Tag 453 - 21. Januar 2017

Mein tägliches Meditieren geriet durch den Tod meiner Schwiegermutter total aus dem Focus. Wobei es wahrscheinlich genau in solchen Tagen ein wichtiger Bestandteil sein könnte. Egal, ich habe es jetzt wieder erneut in den Focus gerückt und mache seit zwei Tagen meine Atemmediation, die über 10 Minuten geht.

 

Das eine Mal habe ich sie Mitten im Tag gemacht und gestern dann Abends im Bett. Abends im Bett ist für mich persönlich nicht der richtige Zeitpunkt. Einfach schon vom Schnurr- und Kuschelpegel meiner Kater herrührend. Sobald das Licht ausgeht, kommt ein Kater zum schnurren und kuscheln und der andere schnarcht schon in Zimmerlautstärke vor sich hin. Geht gar nicht.

 

Heute dann also wieder am Nachmittag, wenn beide Kater tief und fest schlafen.

 

Noch kann ich mich schwer darauf einlassen, was sich aber mit Sicherheit ändern wird. Das weiß ich noch von früher, wo ich regelmässig Atemmeditation gemacht habe. Und ich freue mich auf die 10 Minuten. Ruhige Musik, beruhigende Stimme und gut angeleitete Medition.

 

Ansonsten fühle ich mich im Moment gut aufgeräumt und nicht gestresst!

 

 


tAG 448 - 16. Januar 2017

Heute habe ich die telefonische Zusage für 90 % meiner Hautüberschuss-OPs bekommen. Ein Grund zur Freude und zum ausflippen und durch die Wohnung tanzen.

 

So war es zumindest, als ich vor knapp 19 Monaten meine Zusage für den Schlauchmagen bekam.

 

Heute ist mir aufgefallen, das die Anti-Depressiva nicht nur Depressionen, Trauer, Wut und Aggression gut überspielen. Nein, auch die Freude wird dadurch gut in Schacht gehalten.

 

Immer wieder blitzt sie kurz auf, ist für ein paar Sekunden bis paar Minuten bei mir und dann ist sie auch schon wieder verraucht. Es ist, als ob sie mir wie ein glitschiger Fisch, immer wieder entgleitet - die Freude.

 

Mit der Rentenversicherung habe ich heute auch telefoniert. Die haben nachgefragt, ob ich wirklich eine Umschulung / neue Ausbildung möchte. Ich habe bejaht und sie hat noch etwas nachgefragt. Die Unterlagen gehen jetzt an einen Sachbearbeiter, der speziell für Umschulungen zurständig ist. Der wird mir die nächste Zeit eine Bestätigung schicken und seine Kontaktdaten. Dann bin ich auch da einen Schritt weiter.

 

Auch das erst einmal ein kleiner Grund zur Freude. Man hat mich nicht gleich wegen meines Alters abgewatscht. Aber wie schon gesagt, die Anti-Depressiva legen sich über sämtliche Emotionen wie ein Teppich darüber und verwässern meine Gefühle.

 

Gefühlslage heute: freudig und erschöpft und traurig zugleich.

 

Es ist als ob das Monster gerade wieder um die Ecke schleichen will. Nach der morgigen Beerdigung ziehe ich mich für 1 - 2 Tage erneut zum Energie auftanken zurück. Ich lasse nicht zu, das das Monster wieder von mir Besitz ergreift.

 

 


Tag 447 - 15. Januar 2017

Meine Stimmung ist im Moment in einem guten, mittleren Level. Durch die äußeren Umstände und den Tod meiner Schwiegermutter bin ich natürlich etwas angespannt und unter Strom. Aber das ist verständlich und war auch vorhersehbar. Ich gehe gut damit um und schaffe mir bewusst meine kleinen Ruheinseln.

 

Jetzt bin ich erst einmal wieder für einige Stunde in meiner kleinen Mietwohnung und kann zur Ruhe kommen. Später gehts zu meinem Freund und der Leihtochter, wir wollen gemeinsam Abendessen kochen.

 

Die Anspannung bezüglich der Rentenversicherung und der Antwort meiner Krankenkasse ist zwar da, aber hält sich erstaunlicher Weise gut in Grenzen.

 

Der Tod meiner Schwiegermutter bringt eher skurille Gedanken in mir hoch. War beim Bestattungsunternehmen dabei, habe die Organisation vom Kaffeetrinken danach übernommen. Meine Leih-Schwägerin hat das an meinen Schatz weitergegeben, aber wenn es um die Details geht, ist er damit im Moment einfach überfordert. Er ist eher der praktische Typ, ich kann gut was Blumen und Gastgeber sein anbelangt.

 

Ich habe vor ein paar Tagen dann auch mal wieder intensiver über den eigenen Tod nachgedacht. In diese Mühlen will ich nicht rein, wenn es dann mal um die eigene Beerdigung geht. Habe für den Moment beschlossen, das ich auf alle Fälle meine eigene Zeitungsanzeige und auch meinen eigenen Nachruf für die Kirche verfassen werde. Die Menschen sollen wissen, das ich im Großen und Ganzen ein tolles Leben hatte.

 

So eine dieser üblichen Reden vom Pfarrer mit: sie war eine strebsame und ehrliche Frau, die gerne in Gesellschaft feierte .... mit dem ganzen Geblubber, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich will nicht, das man über mich spricht, sondern ich will bei meiner Beerdigung "mit den Menschen" sprechen, die mich auf meinen letzten Weg begleiten. So nach dem Motto: "Ich, Michaela möchte alle Grüßen die sich am heutigen Tag die Zeit genommen haben, um mich auf den letzten Weg zu begleiten. Mag sein, das ich körperlich schon nicht mehr bei euch bin und trotzdem sollen die letzten Worte an euch direkt von mir kommen...."

Keine Ahnung, irgendetwas so in der Richtung. Ich möchte sagen dürfen, das ich ein schönes Leben hatte. Ich möchte ihnen noch einmal sagen, das ich sie geliebt habe und die Zeit mit ihnen genossen habe. Jeden zu meinem Lebensabschnitt und zu seiner Zeit.

 

An was man nicht alles denkt, wenn solche Umstände eintreten. Noch vor ein paar Wochen war mir selbst das Leben so schwer, das ich mir so manche Nächte gewünscht habe, das ich einfach nicht mehr aufwachen dürfte. Das will ich Heute nicht mehr, aber ich will mich selbst von meinen Menschen nach  meinem Tod irgendwann in ganz vielen Jahren, verabschieden dürfen. Es ist mir dann wichtig, ihnen Hoffnung zu geben und ihnen zu zeigen, das es Gut ist, so wie es ist und sie an die tollen Zeiten denken sollen und wenn man wirklich an mich denk, an die lustigen und fröhlichen Zeiten zurückdenkt. Einfach mit einem Lächeln im Gesicht und nicht Verhalten oder im komischen Schweigen.

 

Und trotz all dieser skuriller Gedanken um den Tod und das Drumherum fühle ich mich im Moment Ausgeglichen und irgendwie behütet. Keine Ahnung wie ich das am Besten ausdrücke. Ich fühle mich gerade Mittig in mir selbst.

 

Ich werde gebraucht, kann meinem Schatz halt geben. Kann ihm Dinge abnehmen und das lässt mich ruhig werden. Endlich kann ich ihn mal aktiv Hilfe und Halt geben, in dieser traurigen Situation. Es ist, um es mit einfach Worten zu sagen: eine scheiß Lebensmoment für ihn. Und ich darf für ihn da sein und es bringt uns noch näher, als wir eh schon sind. Und mir hilft dieser Tod seiner Mama ein Stück weit, weiter zu mir selbst. So beschissen diese ganze Situation ist. Und auch ihn hilft es ironischer Weise weiter, wie er gestern selbst zugeben musste.

 

Eine große Sorge wurde ihm genommen. Was mit seiner Mutter ist, wenn wir zusammen ins neue Haus ziehen und sie dann ganz alleine ohne Familie in ihrem viel zu großen Haus lebt. Was haben wir nachgedacht und geplant. Wie oft wir sie zu uns holen wollen, wie oft wir sie besuchen. Ob wir den Kater nicht doch bei ihr lassen, weil er ihr immer gerne Gesellschaft geleistet hat und sich ihr Leben in kleinen Teilen auch auf den Kater konzentriert hat. Allein, sie wollte die Verantwortung für Felix nicht übernehmen, die Gesellschaft jedoch gerne haben. Wir haben hin und her überlegt, die letzten Monate, wie wir das eine mit dem anderen Verbinden könnten.

 

Das alles hat sich plötzlich gelöst. Sie hatte eh immer gesagt: 2017 will sie nicht mehr. Wie sie das mal wieder hingekriegt hat - eine Punktlandung beim Sterben. Wir weinen und lachen gleichzeitig alle zusammen, wenn wir das immer erwähnen. Sie hat ihren Willen, wie so oft, auch beim sterben bekommen. Sie wollte immer im Schlaf sterben dürfen, sie wollte wieder mit ihrem schon verstorbenen Mann zusammen sein und sie wollte im nächsten Jahr nicht mehr Leben, so ihre Aussage vor einigen Wochen an Weihnachten. Punktlandung - wie schon oben gesagt.

 

Und darum sind Lothar, seine Kinder und Ich trotz der ganzen Traurigkeit die uns immer wieder packt, auch irgendwie im Reinen mit dem plötzlichen Tod von ihr. PUNKTLANDUNG


Tag 442 - 10. Januar 2017

Heute Vormittag habe ich den zweiten meiner insgesamt drei Brüder Bescheid gegeben.  Als Heilerziehungspfleger bei erwachsenen Behinderten hat auch keine Vorurteile gegenüber meiner Krankheit.

 

Anfangs war ich mir nicht ganz so sicher, weil er immer zu Scherzen neigt. Von daher habe ich ihm das Versprechen der Verschwiegenheit und Ernsthaftigkeit abgerungen. Er hat zugehört und keine dummen Scherze gemacht. Damit ist für mich das Thema: Familie Bescheid geben, erst einmal vom Tisch. Mein anderer Bruder und meine Eltern möchte ich damit nicht belasten. So der Stand der Dinge für den Moment.

 

Alles ist im Fluss, und so kann sich auch das irgendwann evlt. ändern und ich erzähle es ihnen dann doch irgendwann. Aber so wie jetzt, mit zwei meiner jüngeren Brüder als Mitwisser, das fühlt sich genau richtig an.

 

Und für mich ist es auch wieder ein Stück Weg, weiter raus aus dem Depressions-Loch. Ab Heute möchte ich versuchen, wie gut mir eine tägliche Meditation tut und ob Meditation eines meiner Werkzeuge werden könnte. Von daher stehen die nächsten Wochen bei mir unter dem Zeichen der täglichen Meditation und ich bin gespannt, ob und welche Auswirkungen die Ruhezeit auf mein Seelenleben haben.

 

Was mir leider auffällt, ich kann seit einigen Tagen wieder nicht mehr durchschlafen. Gut ist, das mich zumindest keine Gedankenkreise vom wieder einschlafen abhalten. Und trotzdem komme ich nach dem Aufwachen wieder schwer zur Ruhe. Ein Thema, das ich am 3. Februar mit meinem Psychiater besprechen werde. Er hat schon gemeint, es kann zu einem Gewöhnungseffekt bei dem Medikament kommen und er will prüfen, ob wir die Dosis gegebenenfalls erhöhen.

 

Den genau solche unterbrochenen Nächte sind bisher immer ein erstes Anzeichen dafür gewesen, das wieder ein neuer Schub bei mir ansteht.

 

Die krankheitsbedingte Auszeit ohne Termine hat mir wirklich immens gut getan. Das merke ich daran, das ich terminlich nun wieder entspannt und flexibel reagiere. Keine Abwehrhaltung mehr, super. Das hatte ich mir davon erhofft.

 

Diese Auszeiten werden ich mir nun regelmässig nehmen und meiner Psyche damit zusätzlichen Halt geben. Das stabilisiert mich ungemeint und macht mich dann wieder Alltagsfit. Für die Zukunft hoffe ich natürlich, das ich nicht alle drei bis vier Wochen eine Auszeit brauche, sondern wieder mit den normalen Wochenenden und dem Alltagsurlaub hinkomme. Aber das ist Zukunftsmusik und ich werde es auf mich zukommen lassen.

 

Jetzt ziehe ich mich erst einmal mit einem guten Buch auf das Sofa zurück und schau mir zwischendrin immer mal wieder den Sonnenschein an. Außerdem wollen die Katzen ihre Kuscheleinheiten - oder will ich sie? Das kann man so genau nie wissen.

 

Und heute Abend geht es nach einer Woche Krankheitspause wieder ins Kieser Training. Da freue ich mich schon ganz besonders darauf. Und irgendenwie habe ich auch das Gefühl, das meine Muskeln auch endlich wieder heiß auf Mehrarbeit sind.

 

 

Tag 441 - 09. Januar 2017

Heute hat mich meine Verhaltenstherapeutin gefragt, was ich meinem Leben augenblicklich für eine Note geben würde. Ich kann mein Leben schlecht in Noten beurteilen, aber ich konnte ich mein abstraktes Gefühl für den "Jetzt-Zustand" beschreiben.

 

Es gibt diese alten, wertvollen Perserteppiche, die so schöne Fransen an beiden Enden haben. Und diese Fransen sind oft durcheinandern. Wenn man sie ganz lange nicht pflegt und sich um sie kümmert, dann beginnen die Fransen oft auch zu verknoten. Und das nimmt viel Zeit und Geduld in Anspruch, um diese Knoten wieder zu lösen.

 

Ich habe das Gefühl, meine derzeitigen Lebensknöten sind gerade gelöst und ich muss sie nur noch sortieren und wieder schön in Form bringen und pflegen.

 

Ich habe das Gefühl, das ich gerade bei vielen Dingen in den Startlöchern stehe und vor mir eine aufregende, neue Zeit liegt. Ich kann das Alte getrost hinter mir lassen, weil ich wieder Ziele und Projekte habe, auf die ich mich fixieren darf. Und zwar alles selbstausgesuchte Ziele und keine vorgegebenen Ziele, die mir evlt. widerstreben, so wie das beruflich in der Vergangenheit oft so war.

 

Gestern sind wir auf meinen Vertrieb zu sprechen gekommen und meine Leihtochter war ziemlich perplex, als ich ihr erzählt habe, das ich mit Head-Set teilweise bis zu 50 Verkaufsanrufe am Tag zu absolvieren hatte. Immer schön mit dem Vorgesetzten im Rücken, weil im gleichen Büro und 3 anderen Kollegen zustätzlich. Und das durfte ich unvorhergesehen jetzt schon bei mehreren Arbeitgebern so praktizieren, obwohl ich ursprünglich für Anderes eingestellt wurde. Von Akkord-Vertrieb oder Call-Center-Antmosphäre war bei Vertragsabschluss nie die Rede.

 

Sie kann mit ihren 16 Jahren verstehen, warum ich nicht mehr zurück zu einem Bürojob will und warum ich mich so sehr auf mein neues Leben freue und eine Chance auf eine neue Ausbildung. Ich stehe noch ca. 20 Jahre im Berufsleben. Das ist zu lange um das Falsche zu tun.

 

Und genau diese neuen Projekte, die ich jetzt einfach angehe und um die ich mich kümmere, lassen mich wieder mehr strahlen. Schenken mir zusammen mit den Medikamenten und der Therapie wieder eine Ausgeglichenheit (zumindest bin ich schon gut dabei) und nehmen mir die Angst vor der Zukunft. Es geht weiter, in meinem Tempo. Ich muss es nur zulassen und wollen.

 

Und ich habe erneute etwas gelernt. Es ist für Menschen, die noch nie eine Depression hatten nicht wirklich nachvollziebar, was es heißt, so oft an seine Grenzen zu stoßen. Ich werde jetzt öfters mal keine Auszeit ankündigen, sondern auch mal körperlich krank sein. Das ist für mein Umfeld leichter zu begreifen und macht mir keinen Stress eines schlechten Gewissens, wenn ich mal wieder Auszeit brauche. Im Grund genommen ist jedem damit geholfen. Meinem Umfeld und mir. Den eine Auszeit von 2 - 3 Tage reicht meistens schon und ich bin wieder fit und leistungsbereit.

 

Auch diese Erkentniss erleichtert mich ungemein. Warum ich das vorher nicht sehen konnte? Keine Ahnung. Aber ich denke halt auch, die meisten Menschen sind noch nicht bereit, das Depression als chronische und ernstzunehmende Krankheit anerkannt wird. Sie ist für das Umfeld nicht sichtbar und für mich schwer zu spüren und schwer zu kontrollieren.

 

 


Tag 438 - 06. Januar 2017

Bin seit dieser Woche erkältet und hatte Zeit zum nachdenken, über meine "Krankheit Depression".

Ich lese viel, auch das Ein oder Andere über Depression. Meist lege ich diese Bücher irgendwann weg, weil ich mich nicht darin erkennen kann oder sie sterbenslangweilig geschrieben bin.

 

Seelisch bin ich im Augenblick dank meiner beiden Medikamente so ausgeglichen, wie es eben sein kann. Darum bin ich froh. Aber was passiert, wenn ich keine Tabletten mehr nehme? Werde ich dann wieder zu diesem unausgeglichenen Depression-Monster, das ich fast eineinhalb Jahre lang war. Was, wenn die Tabletten irgendwann in ihrer Wirkung nachlassen, weil mein Organismus sich daran gewöhnt hat?

 

Ich will mitnichten dahin zurück, wo ich noch vor ein paar Wochen herkam. Medikation ist aber vielleicht auch keine Dauerlösung. Außerdem kann ich mich glücklich schätzen, wie ich seit ein paar Tagen weiß.

 

  • Bei 30 % schlägt eines der ersten Medikamente an und hilft.
  • Bei weiteren 30 % muss man einige mehr ausprobieren und es hilft eine Kombination (da gehöre ich dazu)
  • Und bei den anderen 30 % schlägt überhaupt kein Medikament an!

Ich bin schon mal glücklich, das ich zu den  mittleren 30 % gehöre. Was sich aber im Laufe der Jahre ändern könnte, und dann schlägt auch bei mir kein Medikament mehr an.

 

Gut, ich habe Depression. Ok, jetzt muss ich lernen damit zu leben. FAKT. Depression an sich ist nicht heilbar, sie schlummert dein Leben lang in dir. Sie begleitet dich und mal gut sie um die Ecke und überrumpelt dich, mal versteckt sie sich und taucht für lange Zeit nicht auf.

 

Ich habe heute im Forum geschrieben, als was man das MMK vielleicht auch sehen kann und da ging mir im Nachhinein ein Licht auf. Vielleicht sollte ich meiner Depression anders gegenüber treten. Durch die Tabletten habe ich mir Zeit verschafft, wie ein kleines MMK. Und jetzt kann ich analysieren mit der Vehaltenstherapeutin und auch alleine und gucken.

 

  • Was sind meine Auslöser?
  • Welche körperlichen oder seelischen Reaktionen zeigen mir, das ich jetzt am Anfang einer Depression stehe?
  • Was tut mir gut, was kann ich für mich selbst tun?
  • Wo und bei wem kann ich konkret Hilfe anfordert, wenn ich selbst nicht mehr rauskommen?
  • Wer gibt mir den Tritt in den Hintern, wenn ich ihn nötig habe, weil er das richtig Feingefühl und Timing dafür hat?

 

Ich will die Medikamente von Heute an als einen Schlüssel sehen, mit dem ich viele verschiedene Türen aufmachen kann um mir die Räume (Verhaltensmuster) dahinter anzusehen und anfange umzuräumen oder aufzuräumen. Merke ich, das mir ein Raum nicht zusagt, ist das kein Problem. Ich schließe die Türe einfach wieder hinter mir zu und öffne den nächsten Raum.

 

Ich will ausprobieren, was mir gut tut, wenn ich merke, das das Monster Depression wieder um die Ecke guckt. Ich will Handwerkszeug erlernen, das ich einsetzten kann, wenn es soweit ist. Ich will damit nicht wieder in so eine tiefe Depression stürzen.

 

Depression ist eine chronische Krankheit. Es gibt viele Chronische Kranke und die leben auch gut mit ihrer chronischen Krankheit.

 

Ich will nur nie wieder dahin zurück, das ich mir Wünschte, ich würde morgen nicht mehr Leben. Nein, kein Selbstmord! Menschen mit Depressionen wissen was ich meine. Das Leben ist so schwer, das man sich einfach wünscht, die Last des Lebens würde von einem genommen werden. Das ist ein sehr, sehr großer Unterschied. Da war ich, für viele Monate und das Tal will ich mein Leben lang nicht mehr durchschreiten müssen. Ich bin froh, das mir die Tabletten davon eine Verschnaufspause schaffen.

 

Und so mache ich mich jetzt auf den Weg, das ich mir neue Rituale überlege, dir mir gut tun. Und da stehe ich echt am Anfang, gut das mein Körper mir hier immer wieder zur Seite steht.

Ich hatte ein echt schlechtes Gewissen, das ich meinem Freund gestehen musste, das ich nach Weihnachten eine Erholungspause vom Bau- und Freizeitstress brauche. Und zag kam die Erkältung, die körperliche Erkrankung macht es mir leicht, den die kann jeder verstehen. Da will keiner mit mir Diskutieren, warum ich jetzt mal langsam mache - immerhin bin ich erkältet.

 

Bei Depression sollte man sich nicht so haben, das wird schon wieder. Man muss sich nur ein wenig zusammenreißen, dann wars das. Andere sind ja auch mal traurig oder "Depressiv" und nach ein paar Tagen wieder auf dem Damm. Nach 18 Monaten Dauerdepression gilt meine Depression  klinisch gesehen als "chronisch Depressiv".

 

80 % der Depressiven, die sich nur auf Medikamente verlassen, erleiden einen Rückfall und erkranken erneut an Schwerer Depression.

 

Es ist also an der Zeit für mich, meine Glückspillen-Zeit auch sinnvoll zu nutzen. Und ich werde dabei alles ausprobieren, was mir in den Sinn kommt, über den Weg läuft und was ich mir finanziell leisten kann. Und ich werde beobachten  - Mich - und welche Gefühle die einzelnen Aktionen bei mir aufkommen lassen. Entspannen sie mich? Machen sie mich eher agressiv oder ängstlich? Fühle ich mich danach erleichtert oder was der Geier was.

 

Den Haushaltsplan vor ein paar Tagen für mich aufzustellen und mir einen strikten, finanziellen Rahmen für die kommende Zeit zu geben, hat mich gestärkt zurück gelassen. In früheren Zeiten, hätte ich dies als extreme Einschränkung empfunden. Heute ist es eine Grenze, die mir Sicherheit gibt.

 

Also auf zum fröhlichen: malen, meditieren, spazieren, Yoga, lesen, stricken, in die Sonne gucken, Kuchen backen und was weiß ich nicht noch alles. Fröhliche Welt, ich finde dich wieder neu und dann halte ich dich immer gut fest. Und selbst wenn mich dann die Depression überrollt, werde ich dich an mich halten, damit die Depression keine Lust hat, lange bei mir zu bleiben.


Tag 437 - 05. Januar 2017

So, gestern habe ich dann noch die Initiave ergriffen, was meine Finanzen anbelangt und bin dieses leidige, für mich schmerzliche Thema auch angegangen.

 

Habe genau abgefragt, mit vielwiel Geld mich mein Freund bisher unterstützt hat. Mir eine Excelliste erstellt, wo ich nun genau Buch führen kann, was ich noch abzuzahlen habe. Dank der Nachzahlung von der Krankenkasse, die fast 2 Monate betrug und dem Weihnachtsgeld meiner Eltern, konnte ich die ersten paar Hundert Euro zurückzahlen.

 

Dann bin ich mal hart in mich gegangen. Die nächste Zeit wird kein Zuckerschlecken, das ist mir klar. Aber es gibt andere Menschen, denen noch viel weniger bleibt als mir. Ich habe also den Rechenschieber geschwungen und mit mir vereinbart, das mir für die nächste Zeit 11 € pro Tag zustehen. Davon muss ich kaufen: Lebensmittel, Nahrungsergänzung, Waschmittel, Katzenfutter, Katzenstreu und den anderen täglichen Bedarf wie Duschgel, WC-Papier und Haarwaschmittel usw. Brauche ich neue Klamotten, möchte ich sie mir davon ersparen. So stehen mir also jeden Monat zwischen 330 und 341 € für den täglichen Bedarf zu.

 

Das müsste gehen, den zum Glück bin ich nicht alleine. Solche Dinge wie der wöchentliche Saunagang oder wenn wir mal Essen gehen, das übernimmt eh schon seit Monaten mein Freund. Ich komme also trotzdem noch raus.

 

Außerdem bin ich bei drei Stadtbüchereien Mitglied. Eine davon ist kostenfrei (mein alter Wohnort) die beiden anderen kosten nur einen Kleinstbetrag im Jahr. Ich habe also fast unbegrenzten Zugang zu Büchern und Hörbüchern. Für mich fast noch das Wichtigste.

 

Dieses Planen und Durchdenken gibt mir ein Stück weit ein gutes Gefühl. Für mich fühlt es sich so an, als würde ich wieder etwas mehr Kontrolle über mein Leben bekommen und das Leben wieder aktiver in die Hand nehmen. Ich werde also nicht mehr nur vom "Leben gelebt", sonder ich "Lebe und gestalte mein Leben wieder aktiver"

 

Ich bin auf die erste Antwort der Rentenversicherung gespannt. Wieviele Unterlagen und Formulare die wohl noch von mir ausgefüllt haben wollen. Was die erste Antwort überhaupt sein wird. Und immer noch glaube ich an einen positiven Ausgang, so ganz ohne Probleme. Wo auch immer ich diese Zuversicht im Augenblick hernehmen mag. Da ergeht es mir genau so wie bei meiner Krankenkasse mit den beantragten WHOs.

 

Man nenne mich naiv, abgehoben, esoterische Tussi oder sonst was. Das berührt mich nicht. Tief in mir drin werde ich das Gefühl nicht los, das alles wie am Schnürchen läuft. Und das ist ein Gefühl, das ich noch gut aus meinen Zeiten vor den Depressionen kenne. Schliesst sich eine Türe, so haben sich vor den Depressionen zig andere Türen für mich geöffnet. Meine Denke nimmt nun ganz langsam wieder die gleiche Richtung an.

 

 


Tag 434 - 02. Januar 2017

Noch am 31. Dezember habe ich nach meinem Blogeintrag eine WhatsApp Nachricht an einen meiner Brüder geschickt. Mit der Bitte, das wir uns mal in aller Ruhe und ohne andere Menschen im Hintergrund unterhalten können. Nachdem der ganze Silvestertrubel vorbei ist, versteht sich.

 

Ich hatte ganz schöne Herzklopfen beim Absenden, aber es hat sich einfach richtig angefühlt.  Wie mein kleiner Bruder so ist, hat er es natürlich noch an Silvester versucht, aber da war ich schon längstens wieder auf Tour zu unseren Bekannten und das Handy war auf Lautlos gestellt.

 

Gestern hat es dann endlich geklappt. Es wurde ein sehr kurzes Gespräch, wir werden uns in den nächsten Tagen aber mal in aller Ruhe zusammen rufen und ausführlich sprechen.

 

Ich habe ihn in ein paar Sätzen geschildert, was bei mir gerade abgeht. Ich wußte nicht, wie ich den Anfang finden sollte. Aber dann kam es irgendwie raus. Er weiß nun, das ich seit über einem Jahr aus dem Verkehr gezogen bin. Er weiß, warum ich das niemanden sagen möchte und warum ich auch bei ihm so lange gebraucht habe. Ich konnte und kann zu Nichts stehen, wenn ich es selbst nicht aktzeptiere.

 

Es bleibt zwischen meinem Bruder und mir. Darauf kann ich mich zu 1.000 % verlassen und genau deswegen habe ich auch ihn angerufen. Er meinte noch: wenn irgendetwas ist, wenn ich etwas brauche - er ist für mich da.

 

Vor der eigenen Familie die Hosen runter zu lassen, das ist schwer. Ich bin nach dem Gespräch geneigt, es meinen Eltern nie zu sagen. Mein Papa wurde im letzten Jahr 70 meine Mama wird 2018 70 Jahre alt. Soll ich denen noch für die letzten hoffentlich 15 - 20 Jahre die Sorge um ihre zu Depressionen veranlagte Tochter wirklich auferlegen?

 

Es hat nichts damit zu tun, das ich mit meiner Depression nicht aus der Deckung kommen will. Es hat eher damit etwas zu tun, das ich meine Eltern nicht belasten möchte. Depression ist Lebensverändernd, das merke ich selbst das erste Mal in meinem Leben bei vollem Bewusstsein. Und ich muss sagen, ich will ihnen diese Tragweite einer Depression nicht mehr aufbürden. Ich bin in guten Händen, ich bin nicht alleine. Ich habe wirklich tolle Menschen an meiner Seite, die mir helfen und mich unterstützen. Die mich auch mal antreiben und mir in den Allerwertesten treten, wenn es nötig ist. Ein All-Inclusiv-Rundum-Paket also.

 

Meine Eltern sollten mich bis an Ihr Lebensende auch genau so in Erinnerung behalten und nicht anders!


Tag 432 - 31. Dezember 2016

Gestern abend, als wir zu Zweit im Auto saßen, nach dem gemeinsamen Abendessen ... da habe ich dann gesagt, das ich 2 Tage für mich brauche.

 

Da merke ich immer, das ich ganz schön viel von meiner Umwelt an Verständnis einfordere. Er war im ersten Moment schon überrascht. Also, von was ich den jetzt Pause brauche, war seine Frage. Das frage ich mich allerdings auch jedes Mal, ehrlich gesagt. Meine Antwort war waage, weil ich es ja selbst nicht genau einordnen kann.

 

Dieses zweimal hin- und herfahren an den Feiertage um meine Katzen zu verpflegen. Dieses schlechte Gewissen, weil ich immer nur kurz zu Hause war. Die Einladungen zum Essen, auch wenn sie schön waren. Das 2-malige tägliche Lüften des Neubaus, das jedes einzelne Mal über 1 Stunde Zeit beansprucht hat...... einfach diese Kleinigkeiten.

 

Dank der Medikamente kann ich jetzt immerhin fast 2 Wochen so am Stück voller Energie durchhalten. Aber dann ist der Akku auch schon wieder leer und muss aufgeladen werden.

 

Ich habe heute Vormittag noch mal mit ihm telefoniert, weil ich gestern Abend dann ein schlechtes Gewissen hatte. Er arbeitet 50-Std. die Woche und ist alleinerziehend und ich mach so nen Terz.

Nein, er ist mir nicht böse. Im Gegenteil, er hat schon gar nicht mehr daran gedacht, das sei doch voll in Ordnung.

 

Wir finden beide gut, das ich inzwischen diese Grenze einschätzen kann. Ich finds mehr gut, er findet es nur gut. Aber, das ich dann einen Kurzstop reinhaue und mal eben wieder Energie auftanke. Ist kein Dauerzustand, hoffe ich zumindest. Aber es zeigt, das ich ein bisschen war gelernt habe.

 

Und jetzt freue ich mich erst einmal auf den heutigen Silvesterabend. Mein schlechtes Gewissen ist wieder gut und ich bin nach dem Telefonat sichtlich entspannter.

 

Ich bin froh, so einen tollen Menschen an meiner Seite zu wissen.

 

 


Tag 431 - 30. Dezember 2016

Vorgestern war der einzige Tag, an dem ich seit Heilig Abend zur Ruhe gekommen bin. Zur Ruhe kommen heißt für mich im Moment: zu Hause zu sein, das Haus nicht verlassen zu müssen, keine privaten Termine haben, mich nur um mich kümmern müssen, ich und meine Kater alleine.

 

Nicht leicht, den es gibt ein Leben drum herum, das mich gerne hat und auch die Zeit mit mir verbringen möchte. Aber ich merke, ich fange schon wieder an zu feilschen, um jede Minute, die ich für mich haben kann.

 

Ich weiß nur nicht, wie ich das meinem Freund sagen soll, ohne das er denkt: nicht schon wieder, grad gings doch bergauf.

 

Das geht jetzt noch einige Tage so weiter.

 

Heute: Kieser Training und anschliessend gemeinsames Kochen und Abendessen

Morgen: Kuchen backen, zu Freunden Silvester feiern, bei meinem Schatz schlafen

01. Januar: bei schönem Wetter raus zu wandern

02. Januar: Geburtstag bei Schwiegermutter, beginnt mit Kaffee trinken, endet mit Abendesssen

03. Januar: Kieser Training und Neubau

 

Danach will ich definitv 2 - 3 Tage zum erholen.

 

Mich strengen auch solch schöne private Termine an und lassen mich ausgelaugt zurück. Ich merke das immer daran, das ich viel Schlaf brauche, an solchen Tagen. Das ich wieder leichter zickig werde und wieder sehr disskusionsfreudig bin, im negativen Sinne.

 

Zumindest habe ich mir heute Nachmittag schon mal Zeit für mich verschafft. Zum Training, Besuch beim Neubau und dem gemeinsamen Kochen, konnte ich den Nachmittagsspaziergang absagen. Das ständige raus und rein aus meiner Wohnung, tut mir im Moment wieder nicht mehr gut. Ich weiß inzwischen aber auch, wenn man mir ein paar Tage Erholung gibt, dann bin ich wieder voller Energie und bereit für 1 - 2 Wochen Alltag samt Aktionen.

 

 


TaG 429 - 28. Dezember 2016

Meine Stimmungswelt war über die Weihnachtstage gelöst und ausgeglichen. Selbst die vielen Termine und Lüftungsintervalle im Neubau konnte mich nicht aus der Bahn werfen oder Stressen.

Mit gestern war mein Limit dann aber auch erreicht und meine Energiereserven vollkommen ausgeschöpft. Wir war von 11:00 - 19:00 Uhr unterwegs. Möbel suchen, Möbeln kaufen, Hin- und Herfahren und den zukünftigen Parkettboden als Probestück zum Möbelhändler schleppen, Neubau ereneut Lüften, Muskeln trainieren.

 

Die Luft ist raus und ich kümmere mich die nächsten 2 Tage nur um mich und tanke wieder Energie auf. Viel Lesen und Zeit für mich ist angesagt.

 

 


Tag 425 - 24. Dezember 2016

Gestern meinen letzten Termin für 2016 bei meinem neuen Psychiater gehabt. Er ist froh, das die Tabletten so gut anschlagen bei mir uns sich anfängliche Nebenwirkungen verflüchtigt haben. Der letzte Rest der Schläfrigkeit an manchen Tagen wird wohl bleiben. Er meinte, das sind dann wohl auch solche Tage, wo es mir zuviel wird und das Hirn eine Auszeit verlangt. Kann ich damit leben.

 

Sein Antrag an die Rentenversicherung für meine Umschulung ist gestern an die Rentenversicherung gegangen. Und ich habe die große Packung Medikamente verschrieben bekommen.

 

Mein Gefühlszustand die letzten Tage: ich würde sagen, ich bin gerade ziemlich ausgewogen. Wenn ich traurig bin, falle ich bei weitem nicht mehr so tief sondern werde abgefedert.

 

Außerdem unterstützt der Psychiater meinen Plan einer Umschulung.

 

 


Tag 419 - 18. Dezember 2016

Mit jedem Tag kann ich mehr entspannen, das tut so was von gut. Auch wenn sich meine finanzielle Lage immer weiter zuspitzt, weil der Steuerberater von meinem ehemaligen Arbeitgeber einfach nicht in die Pötte kommt. Wenn alle Stricke reißen, muss ich über meinen Schatten springen und meinen Lebensgefährten ein weiteres Mal um Hilfe bitten. Ich hasse es!!!

 

Ich bin im Moment allein finanziell nicht wirklich lebensfähig und das macht mich nicht fertig - das macht mich richtig sauer.

 

Ansonsten muss ich sagen, es ist so toll mit den Medikamenten. Ganz langsam kommen die Zeiten zu Zweit zurück, wo man mich nicht ständig wie ein rohes Ei behandeln muss und nie weiß, wann ich gerade in die Luft gehe. Es macht mir wieder Freude, die Zeit mit meinem Schatz zu verbringen und ich kann seine Gegenwart nicht mehr nur geniessen, sondern ich suche sie auch wieder aktiv von meiner Seite aus. Das ist schön, den ich hatte Angst, das er mit der Zeit an mir und meinen Gefühlen für ihn zu zweifeln beginnen könnte. Dabei waren sie einfach nur tief vergraben und ich konnte irgendwie nicht ran.

 

Und so haben wir dieses Wochenende sehr viel gelacht und ich habe ihn aktiv aufgezogen und geneckt. Er er konnte nach Herzenslust endlich wieder darauf einsteigen. Wir haben ein Stück weit wieder eine Leichtigkeit reingebracht, auch wenn ich noch krank bin. Aber es dreht sich nicht mehr nur dauern alles um meine Depri oder um den Hausbau. Es dreht sich auch um lustige Situationen und tolle Gespräch, weit ab vom Alltag.

 

Am 23.12, also einen Tag vor Weihnachten habe ich meinen zweiten Termin bei dem Psychiater. Die Tabletten von ihm reichen genau bis zum 22.12., also passgenau. Muss mir was zum trinken einpacken, damit ich das neue Rezept dann gleich einlösen kann und noch im Auto die Folgetablette einwerfen kann.

 

Schön, das es dank der Kombi von Medikation und Verhaltenstherapie und meinem Einsehen, das ich wirklich krank bin, endlich Schritt für Schritt in die richtige Richtung geht.

 

 


Tag 410 - 9. Dezember 2016

Im Großen und Ganzen hat sich die Lage eingespielt und Dank Tabletten fahre ich keine extremen Gedankenkreise. Den Spitzen werden sozusagen die Spitzen genommen. Das mein Arbeitgeber noch immer nicht das ausgefüllte Forumlar an die Krankenkasse geschickt hat, macht mir sauer und lässt mich meine Lebendigkeit spüren. Ich habe heute dort angerufen. Den ich lebe seit eineinhalb Monaten von dem halben Lohn und den paar Tagen Krankengeld von zuvor. Mein Konto ist heillos überzogen und im Januar könnte ich weder Miete noch sonstige Kosten tragen. Ohne Tabletten wäre ich jetzt komplett am Rad drehen. Mit Tabletten nehme ich zwar den Ernst der Lage war, kann aber sachlich reagieren. Ein erneuter Anruf bei meiner KK, einer bei meinem alten AG und ein ernstes Wort wie die finanzielle Lage ist. Bis morgen sollte das Forumlar vom Steuerberater an die KK gefaxt sein und dann bekomme ich spätestens am Montag im Normalfall das ausstehende Krankengeld für über 6 Wochen. Hurra, ich brauche das nämlich.

 

Daher werde ich auch morgen Nachmittag noch einmal ganz sachlich bei meiner KK anfragen, ob das Fax nun da ist.

 

 


tAG 405

Ich denke, das meine Anti-Depressiva nun ihre volle Wirkung haben. Inzwischen schlafe ich Nachts leider wieder unruhig und wache oft auf. Schade. Gerade das hat mir an der Kombination der beiden Mittel gefallen. Das ich Nachts endlich einen erholsamen Schlaf bekommen habe.

 

Die Dauermüdigkeit am Tag ist inzwischen nicht mehr jeden Tag da. An manchen Tagen bin ich körperlich fit wie ein Turnschuh und an anderen lege ich mich am Nachmittag für 1 - 2 Stunden auf´s Ohr, weil mir die Augen zufallen. Damit kann ich, wie schon geschrieben, gut leben.

 

Immer wieder und immer öfters dringt jetzt auch die Stimmungsaufhellende Wirkung durch. Da kann ich dann auch endlich wieder herzhaft lachen und albern sein.

 

Auch wenn ich jetzt nicht mehr das Gefühl habe, wenn ich Termine habe, das es von meiner Zeit gestohlen wird, gucke ich darauf das ich nicht zuviele Termine an einem Tag habe. Den die Grenzemarke Tinnitus möchte ich jetzt auch nicht jedes Mal erreichen müssen. Mein Limit ist schon nach wenigen Stunden erreicht und danach werde ich unruhig und kann mich nicht mehr konzentrieren. Außerdem merke ich dann auch, das ich unterschwellig wieder agressiv und zickig werden möchte.

 

Ein ganz, ganz wunder Punkt sind meine Finfanzen. Da kommt es zu regelrechten Angst-Attacken. Seit Tagen liegt eine Überweisung vor mir und schon der Gedanke daran, mich in mein Konto einzuloggen ..... ich bin jedes Mal stocksteif und bekomme einen schnelleren Herzschlag. Dabei kenne ich meinen Kontostand und ich weiß, ich kann den Betrag sehr wohl überweisen.

 

Wenn solch eine Situation auf mich zukommt, dann möchte ich am liebsten wieder anfangen mich sofort auf irgendwelche Jobs zu bewerben, das endlich wieder ein geregeltes Einkommen zur Verfügung steht.

 

Auch hat mein Arbeitgeber noch immer nicht die Forumlare für das Krankengeld an meine Krankenkasse geschickt. Dabei bin ich da schon seit 2 Wochen offiziel ausgestellt und der Lohn für November ist auch schon für einer Woche ausgezahlt worden. Die Krankenkasse hat schon zweimal bei ihm angefragt. Mein ehemaliger Arbeitgeber verweist dann jeweils auf den langsamen Steuerberater. Das zerrt auch ganz heftig an meinem Nervenkostüm. Sie haben heute die Telefonnummer und zwei Namen von mir bekommen und rufen dort jetzt an, da die Firma auf Schreiben nicht reagiert.

 

Der Antrag über die Verlängerung meiner Verhaltenstherapie wurde vor einiger Zeit von der Krankenkasse zum MDK weitergeleitet. Ich gehe seitdem ohne finanzieller Zusicherung zur Verhaltenstherapie, was ein ungutes Gefühl hinterlässt. Wer soll das bezahlen, falls es nicht genehmigt wird? Dort habe ich nun vor 2 Minuten angerufen und erfahren, es wurden 20 weitere Stunden genehmigt. Mir fallen zentnerweise Steine von der Seele.

 

Jetzt ist nur noch die Hürde Weihnachten zu überwinden. Ich will meinen Nichten und Neffen einfach doch eine Kleinigkeit schenken. Soll nicht teuer sein, aber dafür umso mehr von Herzen kommen. Und ich habe es wirklich geschafft für 4 Geschenke 32 € auszugeben. Die beiden Jungs gekommen ein Angelspiel, meine Stiefnichte einen Hörbuchkoffer und meine kleinste Nichte ein Kuscheltier mit Musikfunktion.

 

Für meinen Schatz werde ich bei unserer Stadtbibliothek eine Mitgliedschaft für 1 Jahr vereinbaren. Er will das schon seit fast einem Jahr machen und kommt selbst einfach nicht dazu. Und für seine Kinder gebe ich jeweils einen kleinen Betrag mit dazu. Da würde ich mit meinen finanziellen Mitteln nicht weit kommen, bei den Teenagern.

 

So und jetzt hilft es alles nichts, lange genug vor mir hergeschoben. Auf zur Überweisung.

 

 


Tage 394 - 398

Ich starte Heute, am Tag 398 mit der zweiten Woche meines neuen Anti-Depressivas. Die Nebenwirkung der ersten beiden Tage (latente, ganztätgige Übelkeit) ist seit dem nicht mehr aufgetaucht. Und die Wirkung das Probleme an mich nicht mehr herankommen, hat sich verstärkt. Das kann man sich vorstellen, wie bei einem Gummiband. Ich ziehe das Problem zu mir her, will darüber nachdenken und es springt einfach wieder zurück in die Ursprungsposition. Es kommt nicht mehr an mich heran. Für den Moment eine Befreiung.

 

Dafür bin ich nun ständig müde. Ich habe diese Woche zweimal bei meinem Lebensgefährten für wenige Stunden in der Firma ausgeholfen. Es freut mich, das ich das tun kann, weil ich nicht mehr das Gefühl habe, das mir dadurch Zeit gestohlen wird und ich das sehr entspannt sehe. Aber ich merke körperlich, das mich das auch sehr anstrengt. Die Tage danach war ich dann jeweils dauermüde und habe allen ernstes mehrere Stunden tagsüber geschlafen und konnte trotzdem auch die Nacht gut schlafen.

 

Außerdem zeigt sich an den Arbeitstagen, das ich dann wieder einen verstärkten Tinnitus habe. Mein Körper kann also noch nicht und zeigt mir deutlich die Grenzen. Das ist in Ordnung, die dringende Arbeit ist getan und ich werde die nächste Zeit auch nicht mehr zum Aushelfen gebraucht.

 

Was ich etwas schade finde, die Tabletten sollten Stimmungsaufhellend wirken, was bisher nicht der Fall ist. Aber es kann bis zu zwei Wochen dauern, bis die Tabletten ihre volle Wirkkraft zeigen. Kann also noch kommen in dieser Woche.

 

Den jetzt komme ich mir eher wie ein Neutrum vor. Ich empfinde weder seelischen Stress, noch Freude. Ich bin - einfach. Ah, nein, ich bin teilnahmsloser. Das merke ich daran, das ich auch nicht mehr so oft im Forum bin oder hier schreibe. Mein Hirn will sich gerade nicht anstrengen müssen beim denken. ;-)

 

Das äußert sich darin, das ich auch sehr wenig TV gucke oder keine Lust zum lesen habe. Schlafen hingegen könnte ich den kompletten Tag hindurch. Ich glaube, ich befinde mich gerade im "Zwischenland" zwischen depressiv-gestresst und meiner kompletten Gefühlswelt.

 

Ich glaube sogar, das würde es am Besten beschreiben. Dank der Tabletten kann ich sämtliche Empfindungen und Gefühle (Ärger, Stress, Freude, Wut, Trauer, Glück, komische Situationen) im Moment nur noch sehr vermindert wahrnehmen.

 

Das tut mir im Augenblick gut und ich bin froh darum.


Tage 392 - 393

Die neuen Tabletten haben gestern noch eine unterschwellige Übelkeit verusacht, von der ich zum Glück seit heute nichts mehr spüre. Sie scheinen ganz langsam zu wirken, was mich nach drei Tagen wirklich überrascht. Eine Erstverschlimmerung spürt man nämlich in der Regel sehr schnell, die eigentliche Wirkung dauert aber meist 2 - 3 Wochen, bis sie eintritt.

 

Ich bin auf alle Fälle glücklich darüber. Klar sind die Ängste noch vorhanden, sie verschwinden ja nicht einfach. Aber jetzt fühlt es sich einfach so an, als wäre eine Decke über die Ängste geworfen worden und ich nehme sie abgefedert war. Das legt sich auf meine gesamte Stimmung wieder. Ich grüble nicht mehr den ganzen Tag. Das ist sicherlich auch dem Besuch bei dem neuen Psychiater mitzuverdanken.

 

Und so war ich heute auch sehr entspannt, als wir am Nachmittag noch zusätzlich auf den Bamberger Weihnachtsmarkt gefahren sind. Bis vor wenigen Tagen war ich darauf erpicht, das nichts von "meiner Zeit" weg geht. Da konnte ich dann schon mal aggressiv werden oder mich um Kopf und Kragen entschuldigen. Und wenn ich solche Termin ohne Murren mitgemacht habe, dann war ich die ganze Zeit nicht gut drauf.

 

Heute konnte ich den Ausflug geniessen, keine Gedanke an "meine Zeit".

 

Was war heute schön?

  • die vielen kleine Küsse auf dem Weihnachtsmarkt
  • das heimelige Gefühl auf dem Weihnachtsmarkt
  • das Frühstück zu Dritt mit Adventskranz und schönen Gesprächsmomenten

Tag 391

Gestern war geprägt von Angst, Erleichterung und tief durchatmen. Zuerst ging es am frühen Morgen zu meinem neuen Psychiater und ich war ziemlich angespannt im Auto. Das merke ich immer daran, wenn ich andere Menschen zuquassle, ohne Ende.

 

Mein Schatz hat mich einfach machen lassen, er kennt das zum Glück schon. Irgendwann sah ich im Wartezimmer einen Arzt, der seinen Patienten persönlich abgeholt hat. Da habe ich zu meinem Lebensgefährte gemeint: das ist mein Arzt. Obwohl ich das gar nicht wissen konnte, weil ich ihn zuvor noch nie gesehen hatte. Ich fand ihn auf den ersten Blick nicht sonderlich sympathisch, warum auch immer. Aber er war dann auch wirklich mein Arzt.

 

Entsprechend negativ eingestellt bin ich ihm dann auch ins Behandlungszimmer gefolgt. Und er war einfach nur unaufgeregt, stellte die richtigen Fragen und hörte aufmerksam zu. Unterbrach mich nicht und kommentierte, wo es erforderlich war. Die Anspannung lies nach und die ein oder andere Träne lief auch wieder.

 

Ich war froh das Lothar dabei war. Zum ersten Mal erlebte er, wie es mir wirklich geht. Klar, er sah es immer und hat mich immer unterstützt. Aber das war für ihn so eine Art Aha-Effekt, als ihm der Arzt erklärt, mir fehlen chemische Botenstoffe. Und auch, als er mir auf den Kopf zusagte: sie überfordert auch der ganz alltäglich Alltag, stimmts?

 

Lothar hat große Augen bekommen und dem zugestimmt. Ich habe ja dann gestern noch ein zusätzliches Anti-Depressiva bekommen, das ich auch gleich eingenommen habe. Es hat unterschwellig den ganzen Nachmittag für Übelkeit gesorgt. Aber das ist gut auszuhalten. Ich hoffe, ich vertrage es gut, den es ist nur eine geringe Dosis und ich reagiere inzwischen ziemlich schnell auf Medikamente. Keine Ahnung, vielleicht liegt das am kleineren Magen und dem weniger an Gewicht.

 

Als wir rausgingen, setzte eine unglaubliche Erleichterung ein und ich war einfach nur gelöst. Die Angst, das er mich dazu überreden würde, das ich sofort in eine Klinik sollte, die war verpufft. Ich kann - muss aber nicht! Seine Meinung dazu: machen Menschen tut das richtig gut. Man sollte aber wissen, das man für 6 Wochen in einem geschützten Raum lebt und danach wieder der Alltag einkehrt. Bei manchen wirkt eine stationäre Therapie supergut, andere fallen danach in ein noch tieferes Loch. Von daher, sollte man das wirklich von sich aus Wollen, dann macht es Sinn.

 

Ich will es und wie ich es will. Und zwar dann, wenn mein privates geregelt ist. Und das ist ja in einigen Wochen absehbar. Sobald ich den Umzugstermin weiß, kümmere ich mich um eine Klinik meiner Wahl. Und inzwischen darf sie wirklich auch sehr gerne weiter weg sein. Hauptsache sie gefällt mir, ist mir auf den ersten Blick schon sympathisch (welche Therapien bieten sie an, sind es kleine Gruppen, gibt es genügend Einzelgespräch....)  und die Gegend eignet sich zum spazieren gehen und wandern.

 

Wir waren dann noch einiges in der Stadt erledigen. Das sind Dinge, die mich sehr anspannen, weil es von "meiner Zeit" weg geht. So fühlt es sich derzeit an. Bis zum Nachmittag hin war ich dann aber so entspannt, das ich mich auf ein gemeinschaftliches Abendessen kochen und essen bei meinem Schatz und seiner Tochter einlassen konnte.

 

Jetzt wünsche ich mir einfach nur, das das neue Medikament die nächsten 1-2 Wochen seine Angstlösende Wirkung zeigt und richtig entfaltet. Den, wie auch beim Psychiater wieder herausgefunden, ich habe einfach nur noch totale Zukunfstängste. Welcher Beruf, bekomme ich überhaupt noch einen neuen Beruf. Verdiene ich genügend Geld danach, um wieder ein ordentliches Leben zu führen und ein klein wenig ansparen zu können. Kann ich mir jemals wieder ein eigenes, kleines Auto leisten und kann ich es auch selbst unterhalten. Alles ganz normale Alltagssachen, die vor einigen Jahren ganz normal und ohne Ängste belastet waren.

 


Tag 390

Versuch mal nicht den ganzen Tag um die Scheiße (Depression) zu kreisen, wenn du gerade mitten drin steckst. Ist schwer und kaum machbar.

 

Mein heutiger Tag: bisher mittelprächtig. Morgens rief mein Lebensgefährte an, auf Handy und Telefon. Ich habe beides ignoriert und kam mir dabei schäbig vor. Knapp eine Stunde später habe ich ihn dann angerufen. Keine große Sache, unsere Fußbodenheizung verzögert sich. Egal, hat sich ja eh schon alles verzögert, da kommts auf die Fußbodenheizung auch nicht mehr an. Dann wolle ich ihn bei einer Kleinigkeit helfen. Morgen bin ich das erste Mal bei meinem neuen Psychiater und ich weiß noch nicht, wie es mir danach geht. Am Nachmittag sind wir dann zu dritt trainieren. Ein für mich schon stressiger Tag. Also habe ich gesagt, morgen geht schlecht und ihn auf Montag vertröstet. Sehe dann im Kalender, das ich Montag Vormittag meine Therapie habe und am Nachmittag seine Tochter auf ein Vorstellungsgespräch begleite. Also wird Montag auch nichts darauf. Darauf hin hat er irgendwann entnervt gesagt, das macht seine Aushife. Und ich war hilflos in dem Moment und konnte nichts mehr sagen.

 

Hilflos, weil ich wegen jedem Pippikram gleich gestresst bin.

Hilflos, weil ich ihm keine kleine Hilfe sein kann.

Hilflos, weil ich das bisschen Geld, das ich dabei bekommen hätte, wirklich brauche.

Scheiße!

 

Aber ich will nicht nur um die Scheiße kreisen. Es gab zwei schöne Augenblicke heute.

Am Nachmittag war ich so erschöpft vom Nichts-Tun und Depressiv sein, das ich eine Runde geschlafen habe. Mein Kater war dabei die ganze Zeit in meiner Armkuhle und hat schnurrend mit mir geratzt.

 

Am Abend wurde dann mein anderer Kater sehr anhänglich und habe mich immerzu angehimmelt.


Tag 389

Heute ist der 389 Tag, an dem ich mit einer sehr kurzen Unterbrechung wegen mittelgradiger bis schwerer Depression krank geschrieben bin.

Seit Tagen hänge ich schon wieder in den Seilen und drehe mich im Kreis. Ich will damit gar nicht mehr zu meinem Schatz. Ich wiederhole mich, immer und ständig. Wie eine Schallplatte mit Sprung.

 

Meine Gedanken drehen sich darum: bekomme ich nach der kurzen Unterbrechung schon wieder Krankengeld. Wie lange kann ich das alles noch stemmen, mit so wenig Geld. Mein Auto kaputt und kein Geld für ein neues "altes Auto". Kein Geld für Weihnachtsgeschenke, kein Geld für ein eigenständiges soziales Leben, ein überschuldetes Konto und kein wirkliches Wissen wie es weitergeht.

 

Ich halte immer noch an einer weiteren Berufsausbildung fest, das ist das einzige was mir im Moment wirklichen Halt gibt. Ansonsten überfordert mich schon der pure Alltag komplett. Seit Wochen habe ich trotz Krankmeldung fast jeden Tag irgendwelche Termine. Nichts aufregendes, nichts schlimmes. Mal ein Arzttermin, mal die Baustelle, mal das Wochenende bei meinem Lebensgefährte. Selbst so private Treffen fallen für mich schon unter "Termine"!

 

Blog schreiben entspannt mich etwas. Malen entspannt mich manchmal. Lesen funktioniert nicht, weil ich mich nach wenigen Seiten nicht mehr konzentrieren kann. Überhaupt, wo ist meine Konzentration hin. Gestern abend spucke ich noch große Töne, das ich mich telefonisch um die Kundengeschenke kümmere. Heute Abend, als mein Schatz nachgefragt hat bin ich erschrocken. Nicht einen Gedanken habe ich daran verschwendet. Es war komplett raus aus meinem Hirn. In anderen Zeiten passiert mir so etwas nicht. Ich verspreche, das ich per WhatsApp der Tochter Bescheid gebe, das wir gleich vor der Türe stehen. Lege das Telefon auf und der Gedanke daran ist auch weg. Ich vergesse es, egal wie ich es drehe und wende. Mein Hirn hat irgendwann den Schalter umgelegt und nichts geht mehr, ohne das ich es in meinen Terminkalender schreibe und mich daran erinnern lasse. Overload im Hirnkasterl.

 

Das alles frustiert mich, zusammen mit den finanziellen Sorgen sehe ich überhaupt kein Licht am Ende des Tunnels. Ich bin also wieder mittendrin, in der Dunkelheit, was ich noch vor Wochen dachte, das ich es hinter mir habe.

 

Ich kann das meinem Lebensgefährten nicht erklären und ich will es unserer Beziehung auch nicht antun. Manchmal würde ich am liebsten das Telefon aus der Dose nehmen, weil mir selbst seine Anrufe zuviel sind. Und das bei dem Menschen, den ich am meisten Liebe und der mir am meisten Rückendeckung gibt. Das selbst macht mich dann auch wieder traurig, weil ich mir schäbig ihm gegenüber vorkomme. Ich ziehe mich gerade wieder vollkommen zurück und kein Mensch - nicht einmal ich selbst - komme noch an mich heran.

 

Seit Tagen wünsche ich mir jeden Abend vor dem schlafen gehen, das ich morgen aufwache und zumindst die dunkleste Phase würde über Nacht verschwinden und wieder hinter mir liegen. Aber ich weiß, auch das geht wieder vorbei. Fragt sich nur, wie lange ich da jetzt durch muss.